Das rechte Maß – oder die Kunst der Selbstbeschränkung

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VÖ 09/2004

Das rechte Maß oder die Kunst der Selbstbeschränkung

Peter Uffelmann / Tobias von der Recke

Deutscher Taschenbuch Verlag ISBN 3-423-34119-X

“Wir glauben, dass das gute Leben etwas mit einem maßvollen Leben zu tun hat”, meinen die Psychotherapeuten Peter Uffelmann und Tobias von der Recke.

So beginnt der Innenklappentext ihres Buches.

 

Der Aufbau ist simple und gleichzeitig komplex

Uffelmann und von der Recke bearbeiten den Begriff Maß in einer Vollständigkeit und Gründlichkeit, die mehr bedient und abdeckt, als ich mir als Leserin erwartet hätte. Meinen ersten Konsum von “Das rechte Maß” habe ich vor 7 Jahren als Hörbuch genossen und mir die damalige 45km-Distanz vom Wohnort zum Büro und zurück versüßt. Manche Passagen haben mich so amüsiert, dass ich sie mir mehrmals angehört habe. Andere Teile ihrer Ausführungen, vor allem die von den Autoren mit Akribie zusammengetragenen Listen, haben mich in der Audiobook-Version so verwirrt und überfordert, dass ich das Hörbuch genervt abdrehen musste. Schriftlich wiederum machen sie Spaß und bieten einen guten Überblick.

Im ersten Durchgang erwischte ich mich zum Ende des Buches bei dem Gedanken: “Die zwei Guten sprechen vom rechten Maß – aber hier übertreiben sie es schlichtweg. Mein Maß ist jetzt erst einmal voll.” Doch lassen Sie sich bitte noch nicht verschrecken. Mein Urteil habe ich längst revidiert und habe dieses Buch inzwischen immer wieder in der Hand, weil es reich ist.

Ein Satz aus dem Vorwort der Autoren umreißt die Philosophie dieses Buches: “Simplify your life, sagen die einen, die anderen gehen ins Kloster und meditieren, und wiederum andere klagen und jammern und füllen die innere Leere mit Konsum.” Seite 15

Uffelmann/von der Recke geben in drei komplexen, ausführlichen Teilen einen theoretischen Zugang zum Maß als solches, seinen Anwendungsbereichen und Maßeinheiten und sehr konkrete Lösungsansätze für das Maßnehmen jeder Art. Viele ihrer Anregungen habe ich ausprobiert. Ich kann noch immer keine Spaghetti kochen, ohne dabei daran zu denken, dass für Nudeln als Beilage pro Person 70 Gramm und als Hauptgericht 120 Gramm (S. 156) ausreichen.

 

Teil I: Es liegt ein Maß in jedem Ding

Die Geschichte vom Maß, seine Entwicklung, seine Anwendungsbereiche, die regionalen Unterschiede in der Welt – hier wird das Maß als Thema gut umrissen.

 

Teil II: Die Kunst des Maßnehmens

Uffelmann und von der Recke sind Psychotherapeuten. Sie setzen das Maß und das Maßnehmen in Bezug zu unserem Menschsein, zu unserem Umgang mit uns selbst und mit unserer individuellen Geschichte. Wer weiß, dass ich mich mit dem Minimalism Game auseinandersetze, erkennt rasch, auch hier gibt es Verbindungen zum Minimalismus, zur gesunden Reduktion, zum guten Maßhalten. Ob auf physischer Ebene in unserem Umfeld oder auf emotionaler Ebene in unserem Leben: Sie laden uns dazu ein, uns selbst auf die Spur zu kommen und uns und unsere Sammlungen an Ballast, Altlasten, Beziehungsmüll und versäumten Geschenken zu hinterfragen.

 

Teil III: Die Kunst der Selbstregierung

“Zum Schluß unserer kleinen Reise “durch das rechte Maß”…” sagen Uffelmann und von der Recke: “Allen Exkursen und Ausflügen ist jedoch eine Erkenntnis gemeinsam: dass das “gute Leben”, das Leben im rechten Maß einer dauernden Anstrengung bedarf.”

Wer sich durch die vier angebotenen Formen der Selbstführung durchgearbeitet hat, sollte unterwegs viel für sich gewonnen und mitgenommen haben.

 

Was mir an diesem Buch persönlich so gefällt: 

Ich liebe Vollständigkeit – solange sie nicht zwanghaft ist. Hier finden wir eine lustvolle, humorige, sinnvolle Vollständigkeit. Die beiden Autoren hatten offensichtlichen Spaß an ihrer Arbeit und drücken diese immer wieder durch persönliche Beispiele aus. Als Leserin spüre ich die gute Zusammenarbeit und auch den Wunsch, es wirklich gut und richtig zu machen. Mit diesem Anspruch haben sie eine sehr schöne Arbeit hingelegt.

Ebenso freut mich beim Hören und beim Lesen, dass ich als Coach viele Anregungen zur Selbstreflexion geboten bekomme, die nicht beliebig sondern nützlich und immer wieder frisch sind. Viele Punkte habe ich ausprobiert und schließe mich dem Statement oben an: Das “gute Leben” in einem rechten Maß bedarf einer dauernden Anstrengung und Auseinandersetzung.

Zum guten Schluss bietet diese Buch auch ein gutes äußeres Maß: Taschenbuchformat, 190 Seiten inklusive Literaturhinweisen. Das nenne ich kompakt und handlich.

 

Ich wünsche Ihnen viel Spaß und Erfolg mit diesem Buch. Sie werden für sich entscheiden, welcher der vier Lebensführungsansätze Ihnen am ehesten liegt und gefällt oder ob Sie Ihren persönlichen Mix daraus gestalten: die verwaltende Selbstführung, die orientierende Selbstführung, die gestaltende Selbstführung oder die gelassene Selbstführung.

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