Dezember 2015: Reduce the Noise

Weihnachtsmarkt
Weihnachtsmarkt

Adventszeit, Trubel, Weihnachtslieder

…im Radio, bunte Lichter in den Fenstern und in den Straßen: Die Welt schmückt sich für die lebhafteste, emsigste und lauteste Zeit des Jahres.

 

Noch so vieles zu erledigen und zu schaffen…

Wir jagen den letzten Aufträgen des laufenden Jahres nach, wollen noch alles rasch abarbeiten, abschließen und möglichst auch abrechnen.

Dabei soll doch gerade die Adventszeit besinnlich, romantisch und heimelig sein.

 

Vorbereitung auf die schönste Zeit

In unserer Kindheit wurden in der Adventszeit ausgefallene, komplizierte Strohsterne gebastelt. Wir durften sogar beim Erstellen unserer eigenen Adventskalender helfen: 24 bunt beklebte, verzierte Streichholzschachteln, die an einem langen roten Geschenkband befestigt waren und durcheinander nummeriert an der Wand hingen. Gefüllt mit Smarties, Gummibärchen, Lakritzschnecken und Salinos, kleinen Schokoherzen und winzigen Schokoladentäfelchen in buntem Metallpapier – was passte denn schon in eine kleine Streichholzschachtel? – fand jedes Kind Leckereien nach seinem persönlichen Geschmack.

Unser Vater widmete sich spät abends heimlich im Keller handwerklichen Liebhabereien, wie einer kleinen, liebevoll bearbeiteten Holztruhe, um darin eine winzige Kostbarkeit für unsere Mutter schön zu verpacken.

Übersetzt in dieses Jahrzehnt hieß es für mich in den letzten Wintern stricken, was das Zeug hielt und was die Wolle und meine Hände hergaben: Hauben und Mützen für die Kolleginnen, denn die Wiener Winter sind gern windig und eisig. Mit jeder Mütze erhöhte sich der Zeitdruck. Und mit jeder Mütze steigerte sich die Vorfreude auf die Übergabe.

 

Advent – lateinisch ‘adventus’ für Ankunft – hieß früher für uns, sich auf besonders viel Familienzeit und laute, lebhafte Familienfeste vorzubereiten. Egal, ob wir selbst kochen, backen, basteln, Weihnachtskarten schreiben oder Reisevorbereitungen für die Heimreise zu den Verwandten treffen oder das alles von anderen erledigen oder im online-Versand regeln lassen: Die Vorweihnachtszeit zählt uns konsequent zum Fest hoch.

Wir mögen nun sonntags vor einem Adventskranz mit der ersten, zweiten, dritten angezündeten Kerze sitzen und alten Familientraditionen nachtrauern oder den gnadenlosen Countdown für letzte Planungen, Erledigungen oder Einkäufe nutzen: Es ist die Zeit der Vorbereitung, Einstimmung und Besinnung.

 

Das letzte Mal in diesem Jahr

Die Zeit der Weihnachtsmärkte ist die Zeit der letzten Treffen in diesem Jahr. Selbst Menschen, die ich selten außerhalb unserer Projektbesprechungen sehe, lassen sich in der Vorweihnachtszeit auf eine letzte informelle Verabredung ein. Wissend, diese Gelegenheit ist rar, der Dezember bietet höchstens 5-6 Terminalternativen, sind wir wählerisch und vorsichtig darin, uns festzulegen.

Ein Abend auf dem Weihnachtsmarkt ist so leichtfüßig wie eine Party und so sicher wie ein Meeting. Der Punsch und der Glühwein wärmen Hände, Herz und Seele. Die vorweihnachtliche Atmosphäre und die laute Geräuschkulisse laden zu privateren, persönlicheren Themen ein. Die beruflichen Inhalte bleiben ob des Marktgedränges unberührt. Ein freundlicher Gedanke zurück an das gemeinsame Arbeitsjahr und ein zuversichtlicher Blick in die Abenteuer des kommenden Jahres stimmen milde und kooperativ. Die Weihnachtssehnsucht intensiviert und festigt auch formelle Arbeitsbeziehungen.

 

Selbst die Abgehetzten, allzeit Verplanten, Überarbeiteten wissen doch zumindest: Jetzt, genau jetzt solltest du innehalten.

Wir schaffen es zu selten.

So, wie ich Ende Oktober plötzlich den rotgoldenen Herbst entdecke, finde ich mich jeden Dezember vor der fast unlösbaren Aufgabe der besinnlichen Weihnachtszeit. Lang erwartet und dennoch urplötzlich stehe ich mittendrin im diesjährigen Advent.

 

Stille
Stille

Reduce the Noise

Lass’ die Störgeräusche weg. Dreh’ den Lärmpegel herunter. Reduzier’ die Ablenkungen und Irritationen.

Ist das allein schon besinnlich? Nein.

Oder vielleicht doch?

Selbst wenn wir wieder trotz des langen Vorlaufs unter Hochdruck unsere Weihnachtskarten drucken lassen, beginnt hier endlich die besinnliche Weihnachtszeit:

 

Weihnachtskarten schreibe ich von Hand

Persönlich. Ich schreibe sie der Person, die ich anspreche. Dazu muss ich mich trotz der sehr simplen, lang und oft geübten Wünsche konzentrieren. Auch hier gilt der freundliche, großzügige Blick zurück und die persönliche Hoffnung auf einen gemeinsamen Schritt im Neuen Jahr.

 

Reduce the Noise – ohne Störung, in gewidmeter Zeit

Jeden Abend und jeden Wochenendnachmittag bis zum 20.12. finden Weihnachtskarten ihren Platz auf meinem Tisch und auf dem Sofa. Die Zahl ist hoch.

Ohne Störung und in gewidmeter Zeit bereite ich mich auf diesen letzten persönlichen Gruß im Jahr 2015 vor. Das ist mein Advent.

 

 

 

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