Die Macht der Kränkung

Kränkung_RückseiteDie Macht der Kränkung
Reinhard Haller

2015 Ecowin Verlag bei Benevento Publishing, einer Marke der Red Bull Media House GmbH, Wals bei Salzburg
ISBN 978-3-7110-0078-1

 

Meine drei Angebote an Sie:
1. Was bietet das Buch?
2. Ein Fallbeispiel aus meinem Arbeitsalltag?
3. Was hat das alles mit mir zutun?

Der Autor und sein Werk

Reinhard Haller, geboren 1951, hat als Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik mit dem Schwerpunkt Abhängigkeitserkrankungen viele Extreme behandelt, begutachtet und in mehreren Werken beschrieben. Sein Lebenslauf liest sich entschieden: Dieser Mann hat sich offenbar in seiner beruflichen Laufbahn eine Meinung gebildet, die sowie für Psychiatrie-Laien als auch für Fachleute von Bedeutung ist.

Sein Hinweis, Kränkungen und ihre Auswirkungen auf unseren Alltag seien noch zu wenig in der Wissenschaft bearbeitet und beschrieben, deckt sich mit meinen Erfahrungen als Coach. Suche ich nach Quellen, finde ich sehr interessante Veröffentlichungen, die jedoch nicht explizit und leicht konsumierbar dieses wichtige Beziehungs- und Interaktionsthema behandeln. Wenn Haller sich unter anderem auf Watzlawick und Freud bezieht, finde ich die Herkunftsgeschichte von Kränkungen ebenso in Fritz Riemanns Grundformen der Angst wieder.

 

Ein Sachbuch, kein Fachbuch

„Die Macht der Kränkung“ wurde für Sie und für mich geschrieben, damit wir sowohl unsere eigene Kränkungsgeschichte erkennen und lösen, als auch Kränkungen mit weitreichenden politischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen identifizieren, zuordnen und vielleicht verstehen können.

Diese Absicht geht explizit aus dem Nachwort hervor und liest sich auch schlüssig aus dem Aufbau und aus den unterschiedlichen Fallbeispielen heraus.
Wir bekommen hier Hilfe zur Selbsthilfe angeboten, die jedoch schlichter und damit freundlicher und verbindlicher auftaucht, als sie in einem Ratgeber oder do-it-yourself-guide mit Anleitungs- und Umsetzungsanspruch auf uns zukommt.

 

Teil I – Wesen und Ursachen der Kränkung

Bereits in der Einleitung setzt Haller das Wesen der Kränkung in einen größeren Kontext und spannt den Bogen von der persönlichen, oft ungewollten Kränkung bis zum alles vernichtenden Krieg, der aufgrund tiefer Verletzungen begonnen wurde und zu weiteren, Nationen und Generationen umspannenden Konflikten führt.

Sein Modell der Kränkungsinteraktion, das in seiner Einfachheit den Kränkenden, den Gekränkten und die Kränkungshandlung oder -aussage im Dreieck zueinander stellt, macht es uns leicht, Ursache und Wirkung voneinander zu trennen oder uns selbst aus ihrer Verflechtung zu befreien.
Mir hilft dieses Modell gleich zu Beginn, einige meiner eigenen Kränkungserlebnisse mit Abstand zu untersuchen. Wenn ich den Kränkungsinhalt (= Kränkungsbotschaft) vom Kränker oder Sender abziehe, gelingt mir eine erste Entspannung und lösungsorientierte Sicht.

In den ersten Kapiteln lerne ich zuordnen und akzeptieren, dass wir alle bereits mehr oder weniger gekränkt wurden und unweigerlich auch kränken. Tiefe Fragezeichen kerben meine Stirn bei der Auseinandersetzung zum Narzissmus als Vater aller Kränkung. Meine Betroffenheit rührt weniger von der logischen Argumentation als mehr von der Frage an mich selbst, ob ich auch zu den narzisstisch gekränkten Menschen gehöre. Der Gedanke verhakt sich für eine Weile bei mir und löst starken Widerstand aus.
Die fünf „E“ Egozentrik, Eigensucht, Empathiemangel, Empfindlichkeit und Entwertung anderer als Quelle für Kränkungen erscheinen mir logisch und bieten mir genügend Reflexionsanlass.

Haben Sie nicht auch den Eindruck, wir werden immer egozentrischer, achten mit Argusaugen darauf, unsere Freiräume nur bloss nicht durch andere einschränken zu lassen und nehmen sehr viele Angebote unserer Umwelt persönlich?

 

Teil II – Erscheinungsformen und Folgen der Kränkungen

Nun endlich doch die erhofte Kränkungstypologie. Hier finden Sie viele Hinweise, wie, wann und von wem Sie sich gekränkt fühlen können und wie Sie selbst Kränkungen verursachen.
Meine Familie hat eine ausgedehnte Kränkungstradition, die immer wieder aufgefrischt wird.
Haller zeigt von verletzenden Eltern-Kind- und gekränkten Paarbeziehungen über Kränkungen im Arbeitsalltag bis hin zu Verbrechen aus Gekränktheit die versteckten, die offensichtlichen und schließlich auch die tödlichen Verletzungshandlungen auf. Der Titel sagt es bereits: Kränkung liegt bereits in der Wechselwirkung von Macht und Ohnmacht.
So kurz ich diesen 2. Teil beschreibe, bietet er sehr viel Denkstoff.

Lesen Sie selbst, erkennen Sie sich wieder und achten Sie auf Ihre Handlung. Sie werden sich und Ihr Umfeld teilweise neu wahrnehmen.

 

Teil III – Umgang mit Kränkungen

Wer sich für dieses Buch interessiert, sucht für sich auch nach Lösungen. Doch vorher führt Haller uns durch seinen kleinen Katalog der Kränkungsreaktionen, den ich für die Selbst- und Fremdbeobachtung bestätigend und hilfreich finde.

Wie oft hatte ich mich in Veranstaltungen mit dem Widerstand meiner Teilnehmer, eines Auftraggebers oder meiner eigenen Kollegen befasst, ihre Kränkung zwar gespürt, aber nicht festmachen können? Hallers Beschreibungen reaktivieren in mir Erinnerungen an Situationen, die ich oft nur durch den vollen Einsatz meiner Persönlichkeit auffangen konnte. Ich hatte diese Erlebnisse zwar integrieren können, doch die Hintergründe einiger Beispiele aus 2015 klären sich jetzt beim Lesen.

Zum Schluss wartet auf uns das how-to, das mit 14 Seiten unter „Entmachtung von Kränkungen“ formal viel zu kurz erscheint, dann aber doch in seiner Einfachheit und Ehrlichkeit sehr hilfreich und nachahmenswert ist.

In einem 7-Schritt-Programm appelliert Reinhard Haller an unsere Eigenmacht. Es ist an uns, aus dem Kränkungsdreieck auszusteigen und die Verantwortung für den Klärungs- und Lösungsprozess zu übernehmen.

Die wenigen Seiten zur Entmachtung von Kränkungen sind klar und einfach. Sie gelesen zu haben, ändert noch nicht mein Leben. Sie mehrfach hinterfragt zu haben, stärkt meine Motivation, mit anderen und mir neu und behutsamer umzugehen.

 

Mein Buch der Kränkungen

„Die Macht der Kränkung“ heißt bei mir schlicht „Das Buch der Kränkungen“, weil ich Typologien, Ursachenhinweise und umfangreiche Beschreibungen erwarte, die ich auch finde.

Die angebotenen Fallbeispiele sind breit ausgewählt: Die eigene Identifikation und auch das Erkennen größerer Zusammenhänge fallen mir sehr leicht. Gleichzeitig verspüre ich starke Betroffenheit auf verschiedenen Ebenen.

Ein tagesaktueller Vorfall aus meinem privaten Umfeld hatte mich am Tag meines Bücherbummels neugierig gemacht.

 

Mein Kränkungsalltag

Die Macht der Kränkung hatte mich im vorweihnachtlichen Buchrausch auf der Suche nach ein paar Geschenken für Kunden, die mir am Herzen liegen, angesprungen. Gekauft habe ich es schließlich als Vorbereitung für ein Team-Coaching im kommenden Frühjahr und für mich selbst.

Der Gedanke der kollektiven Kränkung spricht mich stark an. Kränkungs- und Verletzungserlebnisse beobachte ich in meinem beruflichen Alltag immer wieder. Sie sind in manchen Fällen Teil einer Maskerade, einer Inszenierung und dem Akteur vermutlich nicht einmal bewusst. Sie gehören zur Interaktion wie Begrüßungen und Verabschiedungen. Oft finden sie bereits erste Repräsentanten einer verletzenden, abwertenden Handlung in genau diesen Begegnungsroutinen.

 

Kränkungen in Organisationen 

Das Team-Coaching einer Gruppe, die mir am Herzen liegt, hatte in den 10 Coachingtagen immer wieder als Bühne für Abwertungen und teils sogar Beleidigungen gedient. Die Teilnehmer nahmen sich untereinander hart heran, kämpften gegen vermeintliche und tatsächliche Kränkungen seitens der Unternehmensleitung und suchten auch in unsere Richtung immer wieder nach versteckten Verletzungen, um sich gegen diese wieder vehement zur Wehr zu setzen. Als ich im letzten Coaching des Jahres das nächste Arbeitsthema mit „Umgang mit Verletzungen“ aufbrachte, bekam ich unerwartet großes Echo und starke Zustimmung. Dabei hatte ich Hallers „Die Macht der Kränkung“ noch gar nicht entdeckt.

 

Fallbeispiel Team-Coaching

Eine deutlich mit starker Kränkung belegte Situation ergab sich im vergangenen Sommer. Ein Teilnehmer aus dem Team hatte von sich aus gekündigt. Das Team war zeitlich deutlich verzögert wenige Tage vor dem gemeinsamen Coachingtag darüber informiert worden.

Im Team-Coaching wollte sich der Kollege von den anderen verabschieden. Wir Coaches hatten die aus unserer Sicht glorreiche Idee, ein Abschiedsritual mit der Gruppe zu erarbeiten, um ihnen an diesem Beispiel auch die Kraft von Ritualen zu vermitteln. Wir hatten in der Firma einige Rituale beobachtet, die durchaus bewusst gemacht und aktiv genutzt oder abgelegt werden konnten.

Unser Angebot löste lauten Widerstand aus. Die Argumentation, wieso der Abschied einerseits ein Drama, dann aber wieder etwas völlig banal Alltägliches sei, bis hin zu, daraus müsse doch nicht so ein Theater gemacht werden, sorgte für Emotionen jeder Farbe.

 

Umgang mit Abschiedsschmerz

Die Teilnehmer hatten die Kündigung kognitiv akzeptiert, emotional jedoch als Zurückweisung durch den sie verlassenden Kollegen verstanden. Die späte Information darüber als Entscheidung des Vorstands hatte sie als Vertreter des Managementteams verärgert.

Da der Adressat ihres Ärgers in der Person des Vorstands jedoch bei diesem Team-Coaching nur eine stop-over Rolle einnahm und alle Verweigerungsvarianten zwischen sich herausreden, leugnen, die Gruppe durch Monologe dominieren und schließlich für längere Telefonate aus dem Raum gehen probierte, entlud sich die Wut auch auf uns Coaches.
Ob wir eine gute Lösung gefunden haben? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Doch mit Kränkungen gehen wir in dieser Gruppe seitdem wesentlich bewusster um.

 

Kränkungen und Verletzungen passieren immer und überall

Kränkungen und Verletzungen – das wird auch in Teil I und II des Buches sehr deutlich – können wir gar nicht entgehen und ebensowenig verhindern. Sie passieren – überall und immer wieder.
Werden wir uns ihrer gewahr, haben wir eine gute Chance, unser eigenes Verhalten daraufhin zu hinterfragen und zu ändern.

 

Mein ganz persönlicher Bezug

Am Tag meiner Büchertour hatte ich kurz vorher ein Erlebnis mit einem Bekannten, der sich vom Leben rauf und runter gekränkt fühlt, dem weder die Job- noch Partnersuche so richtig leicht von der Hand gehen will und der ganz offensichtlich wirklich darunter leidet. Lösungen scheinen keine in Sicht. Die Frustration dauert schon länger an, jeder Dialog entwickelt sich innerhalb kurzer Zeit in die gleiche traurige Richtung, getragen von Enttäuschungserlebnissen und neuerlichen Bestätigungen für Kränkungen durch meinen Wunsch zu helfen.

Meine Betroffenheit hatte mich längst sprachlos werden lassen. Immer wieder wurden mein Interesse, mein Hinterfragen und meine Empfehlungen wiederum als Bestätigung des eigenen Versagens gewertet und zur Verstärkung der eigenen Verletztheit genutzt. Angesichts meiner jahrelangen Wirkungslosigkeit in der Lösungsfindung habe ich mich schließlich aus dem Kontakt oder aus der Schusslinie bringen wollen.

Aus der Schusslinie heißt: Ich selbst erlebte unsere Dialoge inzwischen als Kränkung und Verletzung mir gegenüber, was wiederum für meine eigene Haltung zum Thema spricht.

 

Wie ich mit mir umgehe

Meine eigene Geschichte ist angereichert mit selbst erlebten und anderen zugefügten Kränkungen. Bei genauerer Analyse sind viele Anlassfälle in meinem Erleben selbstgesucht. In dem einen Fall gehe ich zur Überprüfung meiner Vorannahmen in Situationen hinein, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Wiederholungen führen.
In anderen Fällen will ich das alte Muster durch eine bewusste Wiederholung unterbrechen. Beides erscheint mir nach Hallers Buch wenig hilfreich und riecht nach Zeitverschwendung.

Auch die selbstgetätigten Kränkungen, die mir oft aus einer unbedachten Reaktion passieren oder aus Intuition heraus ratsam erscheinen, darf ich überdenken.

Wenn mir der Umgang mit anderen zu nah oder zu intensiv ist, kann ich einen anderen Lösungsweg nehmen, als nur auszuweichen, mich zu verweigern oder zu verstecken.
Allerdings muss daraus keine Gegenkränkung in Form von Belehrung oder aufgedrängtem Coaching werden.

Viel Leid auf beiden Seiten kann ich durch ein klares Wort zur rechten Zeit vermeiden.

 

Effektivität und Rationalität

Wenn ich mir meiner Handlungen besser bewusst bin und im Kontakt mit anderen Menschen mehr Empathie für ihre Bedürfnisse aufbringe, spare ich enorm viel Energie und erziele deutlich interessantere Ergebnisse.

 

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