Journal 2015_12 – Wem bin ich verpflichtet?

Abendgedanken nach einem nachdenklichen Tag
Abendgedanken nach einem nachdenklichen Tag

Mein Journal – 3. August 2015_12 – Wem bin ich verpflichtet?

Vorstand, Mitarbeiter, Freiberufler oder Unternehmer – die Freiheitsgrade sind unterschiedlich. Die Verantwortlichkeiten auch. Zumindest glauben wir das gern erst einmal so.

Wenn ich doch könnte, wie ich wollte, oder wenn ich wenigstens so wollte, wie ich könnte.

Im Hintergrund brüte ich an der Frage nach dem maßgeblichen Schaden durch zu langes Zaudern und Zögern, wenn sich Optionen verengen, Lösungen verloren gehen, Wahlmöglichkeiten zunehmend reduzieren, bis wir nur noch vor einem einzigen Ausweg stehen.

Machen wir uns nichts vor: Nicht handeln, Entscheidungen verzögern, sie aussitzen, sich seiner Verantwortung durch Wegschauen und Verdrängen zu entziehen, ist ein ausgesprochen teures Unterfangen. Damit habe ich ganze Unternehmen ins Straucheln geraten sehen.

Erst leidet nur die Glaubwürdigkeit des Entscheiders. Schnell entwickelt sich daraus allerdings eine Kultur der Unsicherheit und schließlich Angst unter den Mitarbeitern, was sich wieder diffus und irritierend nach außen auf die Leistung und schließlich auf Kundenbeziehungen auswirkt.

Die heutige Frage geht in eine ähnliche Richtung und klingt dabei ganz anders:

Wem bin ich verpflichtet?

Das oberste Entscheidungsgremium eines Unternehmens ist meist der Eigentümer. In unterschiedlichen Konstellationen sind es die Eigentümervertreter: Der Aufsichtsrat und der Vorstand.

Wie und wo immer, wir finden immer jemanden, der die volle Amtsgewalt innehat. Oder pragmatischer, wir finden den, der das Sagen hat, der ‘anschafft’ (österreichisch für: anderen Menschen Anweisungen geben und Arbeit verteilen, frei nach: ‘Wer zahlt, schafft an.’).

Wieso tun sich dann die, die wirklich das Sagen haben, so unendlich schwer, sich für ihre Verantwortung zu entscheiden, für sie einzustehen und sie zu leben?

Welchen Bindungen sind sie so stark unterlegen, dass sie ihre Amtsgewalt nicht ausloten und nicht in voller Kraft das für ihr Unternehmen Beste entscheiden und durchsetzen?

 

Wenn Rücksichtnahme schwerer wiegt als der Entscheidungsmut

Wir dürfen Rücksichtnahme der Entscheider auf ihre Vorstandskollegen, ihre Mitarbeiter, ihre Aufsichtsräte, ihre Geldgeber/Shareholder oder ihre persönlichen Partner vermuten. Jeder von uns hat einen Riesensack voller Verpflichtungen und Bindungen. Wenn der nicht zwischendurch ausgemistet und entrümpelt wird (Minimalism auch hier), bläht er sich so stark auf, das wir von seiner Last erdrückt und unter ihm erstickt werden. Er gärt und kocht vor sich hin.

Auf die Frage an einen meiner Gesprächspartner heute, “Wem sind Sie denn verpflichtet?”, waren wir uns beide sofort einig: “Ich bin meinem Unternehmen, seinem Erfolg und vor allem seiner erfolgreichen Zukunft verpflichtet!”

Die Frage “Wie verhalten Sie sich dementsprechend?” brauchte ich nicht zu stellen. Die Zeit dafür kommt erst.

Wenn ich in meiner eigenen Funktion als Geschäftsführerin meiner kleinen Firma vor unangenehmen Entscheidungen stehe, muss ich jedes Mal neu abwägen, ob ich mir eine Entscheidung oder eine Nichtentscheidung GEGEN das Wohl meines Unternehmens leisten kann. Die mir gestellten Aufgaben sind bei weitem nicht so komplex, wie die Herausforderungen für Vorstände und Top Manager. Strategische und direkt wirksame Auswirkungen gehören immer gegeneinander abgewogen.

 

Wirtschaftlicher Erfolg oder langfristig ethischer Unternehmenserfolg?

Wir – Sie und ich – dürfen gern miteinander in den Dialog eintreten, ob nicht neben der Verpflichtung zum Wohl des Unternehmens viel mehr der ethische, philosophische Zugang auch zu beleuchten sei: Wir sind unserer Integrität verpflichtet, dem Menschsein, unseren Mitarbeitern. Auf diese Auseinandersetzung lasse ich mich sehr gern mit Ihnen ein.

Der Einfachheit halber und der späten Stunde geschuldet behaupte ich heute Abend: Das alles subsumiert sich unter der Verpflichtung für das Wohl des Unternehmens. Wer seinem Unternehmen das Richtige zuteil werden lassen will, muss kurz-, mittel-, langfristig seine Menschen ins Zentrum stellen. Lassen Sie uns diesen Punkt bitte wieder aufgreifen.

 

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