Journal 2015_19 – Beziehungen in der virtuellen Welt

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Mein Journal – 12. August 2015_19 – Was uns wirklich nährt

… bleibt die Beziehung zu anderen Menschen. Das zählt auch für die virtuelle Welt.

Meine Mutter bedauert, dass ihre Freundinnen nicht in Facebook oder auf anderen Plattformen sind. Ist sie selbst auch nicht, doch dann hätte sie dort die Chance auf Chats mit Menschen, die ihr vertraut sind. So beschränkt sie sich auf Emails. Das ist noch nah am Brief und dennoch so schnell wie Twitter. Leider schreiben ihre Freundinnen auch keine Emails, weil sie technisch zu einer anderen Generation gehören. Mit der Hand geht das alles nicht mehr. Geburtstagsgrüße kommen von ihr an uns Kinder mit animierter, vertonter Grußkarte per Internet. Alles sehr modern oder “zeitgemäß”.

XING schlägt mir freundlicherweise die Geburtstage meiner Kontakte vor. Zur Gratulation wähle ich aus 5-6 geschmacksneutralen Grußkarten. Den Text kann ich modifizieren. In der Formatierung und der Anrede ist er weitgehend standardisiert – wie praktisch. Diese Grußkarten lassen sich vordatieren oder mit einem angepassten Text im Nachhinein versenden.  Das ist für mich als User sehr bequem: Ich werde erinnert. Ich kann dem Angebot zustimmen oder es ignorieren. Ich gehe mit dem Effekt weit über meinen eigenen Bedarf hinaus. Meine jüngsten Glückwünsche stellen die Gesundheit immer an die erste Stelle.

Beides sind besonders niedrigschwellige Beziehungspflege im Jahr 2015. Davon schaffe ich an einem guten Tag die aktuellen Geburtstage und auch noch ein paar vorgedachte Pflegetermine.

Parallel dazu lese und beantworte ich Emails, die ich teils aus dem Tag hinübergerettet (prokrastiniert!) habe.

Und ganz plötzlich wird aus dieser Hintergrundmusik und Beziehungsarbeit der so genannte Haupt-Act. Ein Mensch, mit dem ich gern im Austausch bin, arbeitet den Kontakt voll bewusst mit mir: Per Mail, per Chatfunktion, per SMS. Von einem Moment zum anderen bin ich voll beschäftigt, arbeite zwar weiter an meinen Job-Fragestellungen, lasse jedoch den Chat nicht mehr aus den Augen.

Wie lange dauert so ein Statement? Mal 1 Minute, mal 3-4-5. Abhängig davon, welche Plattform ich benutze, wie geübt ich tiefergehende Fragen wirklich inhaltlich beantworte oder inwieweit ich mich schließlich auf den Dialog einlasse. Ich habe keine Ahnung, wie viele Stunden auf diese Weise ins Land gehen.

Was bleibt davon? Ein warmes Gefühl beim anderen? Ein Gefühl von Verbindlichkeit, Nähe, Austausch? Ich würde es mir wünschen, denn der oder die sitzt ähnlich lang for dem Rechner und braucht vielleicht wie ich Ermunterung und Zuspruch. Verbindet uns das? Werden wir davon bereits Freunde, Vertraute?

Sicher gibt es Untersuchungen darüber, wie stark virtuelle Bindungen funktionieren, wozu sie führen können und wie rasch wir dort hineinkippen können.

Sind sie nun mehr Aufwand als ein persönlich Gespräch, ein Telefonat oder ein gemeinsames Abendessen? Vordergründig nein.

Doch wenn ich damit den ganzen Abend verbringe, frage ich mich doch vorsichtig:

1. Hätte ich die Person nicht besser getroffen oder mit ihr telefoniert? – KEINE ZEIT!

2. Wie hat sich der Chat auf meine Arbeit ausgewirkt? – Verzögernd. Ablenkend, eigentlich störend, wobei nicht der Chat-Partner gestört hat, sondern die eigene Disziplinlosigkeit, sich darauf einzulassen, obwohl doch eine andere Priorität auf dem Tisch lag.

3. Wie hat sich die Beziehung entwickelt? – Vordergründig hat sie sich verdichtet, intensiviert. Durch die klare Beschränkung auf das gegenseitige Wort bekam dieses mehr Bedeutung. Interesse und Hingezogenheit haben sich stärker intensiviert als im Dialog in einem Lokal. Es wird rasch sehr viel persönlicher und damit oft intimer.

Doch schaffen wir damit Tragfähigkeit für eine wirkliche Beziehung oder gar Freundschaft? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Wenn es uns nähren soll, braucht es wohl etwas mehr als das beim Empfänger frei interpretierte Wort. Sonst bleibt es im schlimmsten Fall ein oberflächliches Geplänkel vor dem Hintergrund verbrannter Zeit.

 

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