Journal 2015_20 – Es ist an der Zeit, sich zu deklarieren

Nachdenkliche Nacht
Nachdenkliche Nacht

Mein Journal – 14. August 2015_20 – Es ist an der Zeit, sich zu deklarieren…

denn es macht einen Unterschied, ob wir alles kommentieren oder ob wir uns mit unserer Haltung wirklich zeigen und positionieren.

Dienstag, 11. August, in Düsseldorf: Auf dem Weg zu einem Mittagstermin mit einem sehr geschätzten Kunden bin ich frohen Mutes und voller Zuversicht mit der lokalen Straßenbahn unterwegs. Die Fahrgäste sind in unseren internationalen Städten bunt gemischt. Ja, auch Düsseldorf ist eine internationale Stadt. “Bunt” kann sich auf soziale Klassen, Alter, Transportanliegen, Fülle, Packmaß und Zuladung, Hautfarben und ethnische Hintergründe beziehen. “Bunt” heißt Farbe, habe ich heute noch einmal gelernt.

Im buntgemischten Publikum sitzt so ziemlich jeder: Die Teens, die Twens – bitte immer mit Stöpseln im Ohr und beiden Daumen auf der Tastatur -, die Frauen mit Kinderwagen: Meist stehen sie beim Kinderwagen und reden ihrem Baby zu. Die älteren Herrschaften und auch die Rentner. Ich sitze ganz kurz in diesem bunten Gemisch, bis eine junge Mutter mit einem 9-Monatsbauch einsteigt. Ich will nicht mehr sitzen.

Kaum stehe ich vor einer mitteljungen farbigen Frau, die beruhigend auf ihren ca. 8-9-jährigen Sohn einredet, der offensichtlich mehr von der Wagonatmosphäre aufgenommen hat als ich, höre ich Wortfetzen aus dem hinter mir liegenden Wagonteil. “Ausländer”, “steht nicht zu”, wir müssen leiden”, ” das gehört geändert”, “da kann man reden, soviel man will”…

Ich drehe mich um und suche nach der Stimme. Ein Mann, ca. 10-15 Jahre älter als ich, freut sich sichtlich über die gewonnene Aufmerksamkeit, spricht die nächste Frau links zu sich an: “Ach, Sie sind auch nicht von hier…?” und strahlt mich dabei an. Niemand in Düsseldorf weiß, dass ich eine sogenannte “Auslandsdeutsche” bin: Ich zahle seit 24 Jahren meine Steuern in Österreich, bin dort versichert und werde das vorerst um keinen Preis ändern. Dieser Umstand lässt mich innerlich kurz verharren. Wer bin ich, dass ich hier plötzlich laut werde? Ich kenne mich nicht aus. Es geht ganz offensichtlich um Ausländer. Es geht irgendwie im weitesten Sinn um die afrikanisch-aussehende Dame neben mir – und auch wieder nicht. Der 8-Jährige sieht nur noch angestrengt aus dem Fenster und kaut mit hartem Kiefer seinen Kaugummi. Die Spannung ist offensichtlich. Der Schmerz ist spürbar. Ich stehe keine 50cm entfernt und meine Coach- und Beraterseele sagt laut in mir: Er verdrängt. Er kompensiert. Er speichert und hat diesen Druck jeden Augenblick, den er in der Öffentlichkeit verbringt. Er hasst sich, seine Eltern, seine Mutter dafür, dass er in dieser für ihn unpassenden Welt existiert. Er hasst sein Leben. Seine Mutter schaut ihn ohne eine Reaktion von ihm an. Ich fühle mich bemüßigt, ihr leise zu sagen: “Alles OK. Das hat mit Ihnen nichts zu tun. Bleiben Sie ganz ruhig.”

Was soll das? Ich fühle mich hilflos, peinlich angesichts meines eigenen leisen Bemühens, ihr gegenüber Sicherheit auszustrahlen. Sie blickt immer wieder zu mir. Der ältere Herr hinter uns wird immer lauter und hat endlich ein passives, sich nicht abgrenzendes, übergewichtiges, weibliches Opfer für seinen verbalen Missbrauch gefunden. Auch sie leidet. Vielleicht unter dem Mix aus eigener Befindlichkeit und direkter Ansprache und dem Versuch, sie als Komplizin oder Mitstreiterin zu gewinnen.

Mein Blick hat den älteren Herrn provoziert, doch die freundliche Wut geht an die Mitfahrerin mittleren Alters.

Das farbige Mutter-Sohn-Gespann steigt flugs mit enormer Eile gleichzeitig mit mir aus und geht zielstrebig entgegen der Fahrtrichtung auf der Lindemannstraße Richtung …? Mein Gefühl: “Wir gehen nach Hause. Wir müssen hier weg.”

Keine 10 Minuten später haste ich von der nächsten Verbindung zu meinem Mittagstermin. Der sozialpolitische Disput gewinnt mit meinem Gesprächspartner eine völlig andere Dimension und ist kurz geparkt. Business ist ja soviel wichtiger als lokale Einzelbefindlichkeiten. Ja.

Zurück in meinem Büro und meiner Welt: Wir haben eine dicke Kundenprojekt-TelKo mit mehreren externen und internen Gesprächspartnern. Mir gegenüber sitzen nonverbale Kommentare, in der Luft eingefrorene lange, schlanke Finger über der Tastatur, die Zögern und Widerstand signalisieren. Auf meiner Seite fletsche ich die Zähne zu einem grimmigen, lippenlosen und vor allem tonlosen Grinsen und sage stattdessen hörbar und freundlich “In dem Punkt bin ich ganz bei Ihnen…, schauen wir doch einmal auf Ihren Nutzen…”

Wir erzeugen freundliche Vereinbarungen, zerren an imaginären Tauenden an den Konditionen und versichern uns gegenseitig, wie lustvoll, nachhaltig und sinnstiftend wir miteinander arbeiten.

Kaum beendet, steht die Frage im Raum: “Glaubst du wirklich…?

Ja, ich glaube wirklich:

Daran, dass mir Lippenbekenntnisse nichts nützen. Ja, ich glaube wirklich an Wirkung. Ich glaube daran, dass es mir nicht immer zur “rechten” Zeit gelingt, mich mit MEINER Meinung aufzustellen. Ein Leichtes wäre es, die Meinung meiner Gesprächspartner anzunehmen und sie mit meinem rhetorischen Geschick schön zu verbrämen. Gleichzeitig glaube ich daran, dass ich die Untugend, ständig das Geschehen um mich herum zu kommentieren, ohne mich wirklich zu ihm zu positionieren, nicht mehr tolerieren will.

Ich glaube daran, dass wir viel zu häufig verbal oder nonverbal unsere Kritik, unsere Zweifel, unser Nichteinverständnis mittels zynischer, freundlicher, hilfloser oder nur gewohnter Enthaltung kommentieren. Uns aufstellen, aufstehen, hinschauen, den Rücken straffen und uns aufrichten und uns angesichts eines niedrigschwelligen Unrechts persönlich positionieren? Das geschieht nur höflich-freundlich im Kundenprojekt. Doch im Off geschieht es viel zu selten.

Also darf ich es in die nächsten Tage mitnehmen.

 

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6 thoughts

  1. Sie haben recht. Bei dem, was im Augenblick in Deutschland los ist, können wir uns nicht mehr leisten, mit gewohnter Enthaltung zu kommentieren. Es gilt das Wort “Wer schweigt macht sich mitschuldig”. Indem wir nichts sagen, wenn Ausländer/Menschen um uns herum angepöbelt werden, signalisieren wir denen, die pöbeln, dass es OK ist, und sie werden beim nächsten Mal noch lauter und noch mehr. Ich muss zugeben, auch ich arbeite noch an meiner Einmischung.

    1. Wie Sie in meinem Text sehen: Auch ich arbeite noch immer an meiner Haltung. Wenn Haltung vor Handlung kommt, ist das nur optisch alphabetisch bedingt. Ein großes Lernfeld.

  2. schöner, ehrlicher text! dankeschön! ist jetzt auch nur ein lippenbekenntnis, führt aber zu handbewegungen über meiner tastatur, zu einem kleinen mut, das auch abzuschicken und so war es auch mit ihren worten zur mutter. auch worte sind doch handlung! auch nichts zu sagen, ist handeln… und rechtes handeln ist für mich ständige herausforderung! mir fällt grad noch (wie so oft) victor frankls ein: “Es kommt nie und nimmer darauf an. was wir vom Leben zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf: was das Leben von uns erwartet.”

    1. Guten Morgen und ganz herzlichen Dank! Victor Frankl – ja! Das Erleben am Dienstag hat zu einigen Gesprächen geführt. Ja, nur Worte, doch gesagt und gehört und damit wieder Einfluss auf weitere Gedanken, weitere Worte und am Ende auch Handlungen. Ich war morgens gar nicht so sicher, ob mir dieser Text gut tut. Als ich ihn wieder las, war ich beruhigt, denn ich spürte, wie wichtig mir diese unangenehme Situation und mein Lernen daraus sind. Es freut mich, dass Sie sich darauf beziehen. Der Dienstag wirkt in mir und in einigen anderen dadurch weiter. Leider wahrscheinlich auch in den beiden Menschen, die ich dort in der Bahn erleben durfte. Das ist jedoch Leiden auf sehr hohem Niveau und erst der Anfang. Offensichtlich werden wir in allernächster Zeit viel mehr Zeuge und je nach unserer Reaktion Mitwirkende in viel drastischeren Situationen werden. Ich bin für mich aufmerksam geworden und wünsche mir für jedes zukünftige Mal Zeit und Aufmerksamkeit genug, die dann “richtige” Handlung zu setzen und nicht nur später lange daran zu kauen. Noch einmal Danke für Ihre Bestätigung und den Griff in mein Buchregal.

  3. Argh, in mir wird es schon aggressiv wo ich das nur lese, über diesen schlecht erzogenen Mann in der Bahn. Da ich sicher bin, dass ich diesen Mann unfreundlich angeraunzt hätte und somit die Stimmung auch nicht besser geworden, sondern eher eskaliert wäre…vielleicht sollte ich in der nächsten Situation versuchen, aufmunternde Worte an die Betroffenen zu richten (inkl kleiner Beleidigungen an den Pöblern), statt meine Wut an den Stänkerern auszulassen.
    Gute Anregnung, ich hoffe, ich krieg das umgesetzt *seufz*.

    1. Hm… einer der Gründe, wieso dieser ältere Herr sich so aufgeplustert hat, mag sein, dass er meinen fragenden und fordernden Blick gesehen hatte. Ich tendiere nämlich selbst auch zu den aggressiven Entgegnungen und Zurechtweisungen und habe mir in der Vergangenheit mehr als nur verbalen Ärger eingefangen. Gestoppt hat mich meine Irritation über die Spannung, die von den beiden ausging und dass die nächste Haltestelle für sie und für mich galt.
      Unsere Chance kommt noch: Diese Situationen bleiben keine Einzelfälle. Ich hoffe, jede von uns findet dann den für sie besten Lösungsansatz. Sie mit Sonne im Sinn, und ich muss noch schauen, was mir Milderndes einfällt.

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