Journal 2015_21 – Notizen an der Kachelwand

freundlicher Samstagvormittag
freundlicher Samstagvormittag

Mein Journal – 15. August 2015_21 – Notizen an der Kachelwand oder die Kunst des Perspektivenwechsels

Seit vielen Wochen spüre ich den starken Drang, die Ideen unter der Dusche einzufangen, quasi jeden Moment des Seins zu nutzen und die eigene “Effizienz” zu steigern. Wer mir eine Weile folgt, kann erkennen, wo sowohl Fragen nach dem Zusammenhang von Tun und Wirkung als auch Fragen nach der “richtigen” Lebensgestaltung mal explizit und laut von mir gestellt werden und mal im Leisen zwischen meinen Zeilen auftauchen.

“Achtsamkeit” ist gestern in Twitter als Unwort erkennbar worden. Es beschreibt keine meiner eigenen Tugenden. Achtsam in meiner Hinwendung zu anderen – das bin ich durchaus. Achtsam im Umgang mit anderen oder vor allem mit mir selbst – darein darf ich weitere Energie investieren. Dazu bei anderer Gelegenheit ein paar Worte mehr. Heute geht es um eine völlig andere Facette von Achtsamkeit, nämlich um den gezielten, gewollten und bewusst gestalteten Perspektivenwechsel.

 

Positionswechsel ist Perspektivenwechsel 

Der Positionswechsel und sein Einfluss auf unseren Gedankenfluss ist vielen von uns bekannt. Bücken Sie sich, und die Welt sieht anders aus. Damit einher gehen neue Eindrücke, neue Gefühle, neue Schlussfolgerungen.

Kinder oder Menschen im Rollstuhl sehen und erleben eine andere Welt, als ich mit meinen 1,67m. Nehmen Sie ein Kleinkind, eine Katze, einen Welpen häufig auf den Arm, und sie dürfen diese Gewohnheit beibehalten, denn jedes dieser außerordentlich “erhöhten” Lebewesen will diese Perspektive wieder erleben. Viel Vergnügen, denn mindestens zwei Gattungen gewinnen an Gewicht: Das Kind und der Welpe.

Auch mein Gesprächspartner mit 1,91m hat ein anderes Bild von mir, meiner Figur und meiner Frisur als ich. Ich will gar nicht wissen, wie ich von oben wirke. Vermutlich wäre ich geschockt oder wenigstens beleidigt und beschämt.

Wie oft frage ich mich, ob mir jemand von Gegenüber ins Schlafzimmer oder auf den Balkon schauen kann. Techniker, die sich in ihrer Ausbildung mit Geometrie und Perspektiven auseinandersetzen, sind da um einiges entspannter. Rational ist mir mit zunehmender Reife und Beobachtung inzwischen klar, dass Betrachtungswinkel und Lichtverhältnisse hier sehr starke Einflüsse nehmen, die sowohl zu meinen Gunsten als auch zu meinen Ungunsten wirken. Mit beiden kann ich arbeiten und sie nutzen oder umlenken.

 

Umsetzung der Nassnotizen

Auf der Suche nach dem richtigen Schreibwerkzeug für die Kachelwand gab es eine kurze Diskussion mit meinem Schreibwarenhändler. Ich liebe den Fachhandel: Ein differenziertes Angebot finde ich schön, Warten ärgert mich, und gute Beratung gefällt mir, wenn sie schnell auf den Punkt kommt. Der schnelle Punkt hieß hier: Kacheln. Abwaschbar. Alles geht und bleibt dennoch haften. Als die Investition für zwei Filzstift-Formate 2,30€ kosten sollte und die zwei Exemplare zu sehr nach ihren Brüdern in meinem Büro aussahen, kamen mir Machbarkeitsbedenken. Also musste ich mich deklarieren: Unter der Dusche Gedanken festhalten. Sie hätten die Reaktion sehen sollen: Völlig gefasst und entspannt sagt mein Fachhändler “Das duschen Sie doch gleich wieder weg!” Nein! Ich finde eine Stelle, die nicht beduscht wird.

Gesagt, getan. Ich finde viele Stellen, Kacheln, die nicht nur abseits des Wasserflusses und dennoch gut erreichbar, sondern sogar nach dem Duschen im Spiegel gegenüber noch immer gut zu sehen sind. Das gilt allerdings nur für mein Düsseldorfer Bad.

 

Zum Fluss im Fluss oder “Wozu das Ganze?”

Diese Lösung entspringt einem stark empfundenen Manko. Seit Ewigkeiten kommen mir die besten Gedanken, die spontanen Ideen und vor allem starke Impulse unter der Dusche. Manche Frauen wie auch ich belassen es nicht bei der Doppelverwendung von Duschgel auch für die Haarwäsche. Da spielen Spezialshampoos und Conditioner eine große Rolle und wirken sich ganz massgeblich auf die Verweildauer unter der Dusche aus – sollte man wenigstens meinen, wenn man nicht zufällig mit einem männlichen Dauerduscher liiert ist, der diese noch toppt. Die Gedanken unter der Dusche nehmen in ihrem Auftauchen, ihrem Fluss, ihrer Kreativität recht rasch einen Ritualcharakter ein. Das geht leicht, denn Duschen gehört zu unseren regelmäßigen Tätigkeiten. Regelmäßigkeit und Rituale gehen Hand in Hand. Leider gehört speziell zur Regelmäßigkeit beim Duschen allerdings auch wieder der Positionswechsel: Kaum sind Sie fertig, stehen Sie in der anderen, trockenen Welt, ggf. sogar um wenige Zentimeter höher oder niedriger. Damit bereits ist alles, was unter der Dusche stattgefunden hat, mit Wasser und Reinigungszusätzen in den Abfluss weggespült. Die Gedanken und guten Ideen leider auch.

Ich habe es mit bewusstem Merken, Eselsbrücken, Zählen und Nummerieren versucht. Das ist – weiß ich heute – kein Vergleich zur Wirkung der Notiz auf der Wand. Bei den ersten zwei Versuchen war ich noch ein wenig vorsichtig. Auch habe ich mich gefragt: Muss ich das alles schnell wegwischen? Was, wenn das mal jemand sieht und mich ein Gast dazu befragt? Will ich jeden Gedanken teilen?

Diese Chance ist gering, habe ich gelernt. Die innere Zensur, der Schreibfluss und die natürliche Beschränkung durch das Maß der Kacheln sorgen für persönlich relevante Stichworte. Und: Die Aufmerksamkeit der wenigen fremden Augenpaare, die mein Bad benutzen dürfen, ist offensichtlich sehr fokussiert. Ich bin noch nicht gefragt worden.

 

Wien ist anders

Diesen Spruch habe ich ziemlich als ersten gelernt, als ich vor 24 Jahren die Einladung zum dortigen Arbeitseinsatz erhalten habe. Doch Wien als Stadt ist ein anderes Thema für später. Mein Wiener Badezimmer hat einen anderen Grundriss und eine andere Aufteilung: Die Notizen werden kein Spiegelbild. Sie bleiben damit wichtig, doch in weniger Dimensionen als in Düsseldorf. Auch sind meine Wiener Wohnungswände weiß, während in Düsseldorf jeder Raum eine andere Hauptfarbe gemäß einem geplanten Farbkonzept hat. In Düsseldorf hängen NUR Bilder an den Wänden. In Wien gibt es zusätzlich zu den Bildern viele beschriebene Haftnotizen unterschiedlicher Größe, Farbe und Form. Mein Auge blendet dieses Übermaß an Information aus. Die Notizen sind nicht lesbar, die Ideen auf ihnen erreichen mich nicht mehr als Sinneswahrnehmung, es sei denn ich lese sie gezielt. Die Notiz auf dem Post-it hat eine völlig andere Wirkung als die auf der Kachelwand. Und noch wichtiger: Sie entsteht aus einer anderen physischen Grundhaltung. Sie entsteht auf einer Unterlage, während ich von oben drauf schaue.

 

Lerneffekt und Nachwirkungen

Diesen Gewinn aus den erduschten Gedanken, Reflexionen und Gefühlen und seinen Transfer in meinen weiteren Alltag will ich nutzen und in andere Situationen hinüberretten. Machen wir jetzt doch einen unerwarteten kleinen Ausflug zur Achtsamkeit: Wie der Positionswechsel im Bad wirken sich alle  Positionswechsel aus. Zum Büro gefahren ist anders, als zum Büro gegangen. Auf dem Rad sehe ich etwas anderes als aus dem Auto heraus. Das Seminarhotel auf dem Berg erlaubt andere Strategie- und Visionsworkshops als das im Helenental unterhalb der Allander Autobahn.

Hirn- und/oder Verhaltensforscher, Psychologen und Therapeuten und viele Vertreter anderer Berufsgruppen wissen, dass sich aus neuen Positionen neue Wahrnehmungen, Eindrücke, Gedanken, Gefühle, Schlussfolgerungen und am Ende andere Handlungen ergeben.

Wechsel mögen uns ungemütlich sein. Wir lieben Routinen. Und dennoch lade ich Sie ein, erproben und genießen Sie Positionswechsel. Sie erweitern und beschenken Ihr Leben.

 

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