Journal 2015_26 – Wir sind so eitel

Ende eines unruhigen Tages
Ende eines unruhigen Tages

Mein Journal – 25. August 2015_26 – Wir sind so eitel und eröffnen damit Nebenkriegsschauplätze

Kennen Sie das auch: Manche Menschen können keinen geraden Satz sagen, ohne durch die Erweiterung mittels eines letzten Kommas und die sich gleichzeitig leicht verändernde Tonalität einen Untergriff, einen Seitenhieb, eine Wertung einzuschieben?

Wäre ihnen gewahr, wie viel Zeit sie damit andere kosten, wie aufwändig diese Kommunikationsform für jeden inklusive ihrer eigenen Person ist, überdächten sie ihren Stil. Vielleicht.

 

Der Kettensatz gilt für viele Menschen noch immer als Zeichen für Intelligenz. Der aktive Umgang mit verbaler Komplexität gilt für viele noch immer als Beweis für eine schnelle Auffassungsgabe, intellektuelle, hohe “Prozessorleistung”, für Überblick, Vielschichtigkeit und am Ende auch wieder – als Zeichen für Intelligenz.

 

Intelligenz steht hoch im Kurs und legitimiert damit erst einmal den Sieg der persönlichen Eitelkeiten über die emotionale Intelligenz, über den guten Geschmack, den Anstand, über die Konzentration auf das Wesentliche und in dieser Auswirkung sogar über das gute Ergebnis.

Auf manche Zuhörer wirkt dieser gewundene, gern zynisch-humorig verbrämte Sprachstil verletzend, irritierend und ablenkend. Sie fühlen sich genervt und sogar belästigt. Wieder andere erleben diese aufwändige Ausdrucksweise als amüsant, unterhaltsam und schwingen sich sogar im Rapport auf die gleiche Melodie ein. Je nach Konstellation der Gesprächspartner kann daraus ein witziges, beide Seiten erfreuendes Wortgefecht erwachsen. Sie befeuern sich gegenseitig, applaudieren sich wechselseitig mit jeder Steigerung und genießen dieses Spiel.

Alles zu seiner Zeit: Vom Rednerpult herunter, auf einer Bühne vor einem größeren Auditorium ist gerade diese Schnittigkeit oft gefragt. Sie amüsiert das Publikum, weckt es, regt es an und lädt es auf die Auseinandersetzung ein. Sie ist gezielter und oft auch notwendiger Bestandteil der übermittelten Botschaft.

Wäre den Sprechenden oder den Zuhörenden allerdings im alltäglichen Dialog gewahr, dass dieser Kommunikationsstil arrogant und blasiert wirkt, nähmen sie beides womöglich noch in Kauf.

Ich ziehe in Betracht, diese Haltung könne seitens der Zuhörer als Kompensation für ein geschwächtes Selbstwertgefühl oder als ein vom Sprecher unbewusst für notwendig erachteter Intelligenz-, Dominanz- oder Machtbeweis “missverstanden” werden. Es ist eben nicht an der Zeit. Diese Interpretation fände bei den Beitragenden wohl wenig positive Resonanz. Beides, ein reduziert wirkendes Selbstwertgefühl und ein unbedingter Dominanzbeweis, gilt als eher uncool und widerspricht überlegener Intelligenz.

Ein Argument, das bereits mehrfach ein Einsehen und nachhaltige Selbsterkenntnis erlaubt hat, ist der in Aussicht stehende Verlust von Sympathien, Vertrauen und Beziehungsqualität im direkten Kontakt. Die Anwesenden werden vorsichtig im Umgang mit dem rhetorischen Helden. Sie ahnen, so ein Hieb kann bei Gelegenheit auch ihnen gelten. Sie schätzen das Zeitmanagement zu ihren Lasten zunehmend weniger und interessieren sich selten dafür, dass mit dieser Kunst meist nichtanwesende Dritte “ausgerichtet” werden (österr. für: über jemanden herziehen, schlecht über ihn reden).

Schlimmer als der mit diesem Verhalten einhergehende Zeitverlust ist der Ablenkungscharakter der Bonmots. Die meisten Kunstredner sind intuitiv gut darin, Bilder zu erzeugen und mit diesen wieder Werte und Emotionen zu transportieren. Nur die bewusste Fokussierung hält den Zuhörer davon ab, sich davon ablenken zu lassen. Wenn er jede Aussage auf die mit transportierte Eitelkeit und auf ihre Nebenkriegsschauplätze untersuchen muss, kostet ihn dieser Schritt wertvolle Energie.

 

Die vergangenen Jahre haben mir gezeigt: Schlechte Angewohnheiten kann ich weglernen. Sie mögen hartnäckig sein und unter nicht direkt verortetem Stress wieder auftauchen. Dennoch bekomme ich Zugriff auf sie und kann sie mit zunehmender Beobachtung rechtzeitig erkennen und aussteuern. Dafür werde ich nicht zu alt.

Der Satz “Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung” gilt auch hier.

Als Erstes erkenne ich für mich, dass meine Spitzfindigkeit, meine zweite Klinge, meine scheinbare Schnelligkeit im Wort und im erzeugten Bild kein Zeugnis für meine intellektuelle Überlegenheit und noch weniger meine Reife sind.

Als Zweites darf ich mir eingestehen, dass sie mich als öffentlicher Beleg für meine unbewusste Selbstaufwertung in diesem Schwachpunkt enttarnen. Mit dieser Einsicht vergeht mir der Appetit auf rhetorische Geschicklichkeiten. Sehe ich, welche Nebenkriegsschauplätze und Flanken ich eröffne, mag ich mir beides noch ab und zu leisten wollen. Doch das Bild, ich zeige mich mit meinem unbedingten Beitrag der eleganten Schlussformel und der schneidigen Klinge der Wertung als eitel und klein, beschämt mich und lässt mich im Moment der Erkenntnis beides immer häufiger unterlassen.

Wenn ich Drittens für mich noch mittels freigewordener Prozessorkapazität herausfinde, worum es mir persönlich im Gespräch wirklich geht, korrigiert sich mein Fokus leichter. Meine Gespräche werden zielführender und verbindlicher. Die Vertrauensbeziehung wächst. Zu mir und zu den andern und vice versa.

Schließlich will ich als intelligent gelten. Also darf ich mich auch so verhalten.

 

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2 thoughts

  1. Liebe Petra,

    mal wieder fühle ich mich ertappt.
    Deine feine Beobachtungsgabe trifft ins Schwarze.

    Nicht nur das Stilmittel des letzten Kommas, der letzten Bewertung kostet Zeit und gilt nur der eigenen Eitelkeit (ich bekenne mich schuldig), sondern auch das Begehren, in Diskussionen noch eloquenter und belesener dastehen zu wollen.

    Dabei erzeugt es oft das Gegenteil, nämlich wirkt hochmütig und belehrend.

    Wenn man diese Einsicht erstmal gewonnen hat, dann kann man daran arbeiten, auch wenn es nicht leicht fällt, v.a. unter Stress. Aber danke für’s motivieren und erinnern.

    Weiter frohes Schreiben,

    Christoph

    1. Lieber Christoph, “ertappt”? Hm. Hatte ich vergessen, in der Ich-Form zu schreiben? Diese Verführung erwischt doch mal jeden von uns. Mir war es einfach wichtig, ihr auf die Dauer immer öfters Paroli zu bieten. Sie ist halt hartnäckig wie viele Reflexe. Ich darf mich noch oft genug im Nachgang über mich ärgern. Doch wie du selbst schreibst: Einsicht hilft. Danke für deine Unterstützung!

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