Journal 2015_30 – Wieder zurück in Wien – in meiner Stadt

Wieder zuhause - Schwechats Begrüßung für die Spätheimkehrer
Wieder zuhause – Schwechats Begrüßung für die Spätheimkehrer

Mein Journal – 6. September 2015_30 – Wieder zuhause – in meiner Stadt

Heimkommen hat für mich einen ganz besonderen Stellenwert, weil ich so viel unterwegs bin.

In der vergangenen Woche durfte ich montags um 4:45 Uhr das Haus verlassen, um mit dem Flieger in eine andere Stadt zu reisen. Die nächste Nacht fand im Hotel statt, und schon ging es wieder weiter. Am Ende der Woche hatte ich 5 Arbeitstage in 4 verschiedenen Städten verbracht. Keine der Wegstrecken war banal und nur mit dem Auto, der Bahn oder zu Fuß zu bewältigen. Das ist Leiden auf exklusiv hohem Niveau, wenn ich bedenke, dass in diesen Tagen am Wiener Westbahnhof Tausende von Flüchtlingen angekommen sind und niemals wieder in ihrem Leben heimkommen werden.

Wenn ich mich im Laufe der Woche auf das Wochenende und mein morgendliches Earl-Grey-Ritual freue, ist das einer meiner Energieanker. Inzwischen habe ich den Earl Grey durch Ostfriesen-Tee abgelöst. Der hat mehr Kraft und “Körper”. Den Wecker stelle ich am Wochenende fast so früh wie unter der Woche – wobei diese Handlung nichtig ist. Ich werde sowieso kurz vor oder nach 6 Uhr wach. Ich bin ein Early Bird, eine Lerche.

 

Heimkomm-Rituale sind wichtig

Es ist schön, in meinen beiden Städten Menschen zu treffen, die mich wieder erkennen, wenn ich meine privaten Wochenendbahnen ziehe. In Düsseldorf sind es inzwischen ein paar Taxifahrer, die mich an ihrem Standplatz vorbeilaufen sehen, und mein Käsemann auf dem kleinen Wochenmarkt, dem sogar auffällt, wenn ich 4-5 Wochen gar nicht da war. In Wien sind es ein paar Einzelhändler wie die Steinfrau im 1. Bezirk, meine Wollfrau im 7., der Inhaber des besten Sockengeschäftes im 13., das ich kenne. Socken sind hipp und sehr wichtig. Allerdings sieht er mich nur zwei- bis viermal im Jahr.

Heimkommen. Das heißt auch, “nach dem Rechten schauen”, kurz checken, ob mein Lieblingsnachbar unter mir zuhause ist und wie weit seine Hausbaupläne gediehen sind, denn sie werden ihn eines Tages aus seiner Wohnung aufs Land ziehen. Das ist schade für mich. Er ist nämlich ein wirklich guter Nachbar. Er ist hilfsbereit und klug. Er hört Musik, die ich nicht habe und die mir auf die Distanz gefällt. Kochen und vor allem Grillen kann er auch. Er ist ein Stück Zuhause, auch wenn ich ihm oft wochenlang gar nicht begegne.

 

Wien ist ein Dorf

Dieses Erleben kenne ich seit bald 24 Jahren. Gehen Sie in die Innenstadt oder am besten einfach auf den Naschmarkt oder auf die Mariahilfer Straße. Von vielen Wien-Besuchern und Wochenendtouristen habe ich gehört, was mir dort selbst regelmäßig passiert: Sie treffen Menschen, die Sie kennen. Sie laufen in jemanden hinein, den Sie am Vortag auf dem Flughafen kennengelernt haben oder an den Sie ohne äußeren Anlass kurz vorher beim Joggen gedacht haben. Sie treffen alte Bekannte, die in ganz anderen Stadtteilen wohnen. Ungeschminkt und in den letzten Fetzen (österr. vulg. für “Klamotten”) ist das weniger angenehm.

Der Zufall leistet dazu seinen Beitrag: 52 Samstage hat das Jahr. Davon bin ich maximal zwei- oder dreimal auf der Mariahilfer Straße. Dort habe ich feste Adressen für bestimmte Besorgungen: Thalia, Büro Miller. Nur ein Impuls hat mich an diesem Samstag auf meinem Weg dorthin innehalten lassen. Eine Frau kam mir mit einem Eis entgegen. Ich esse sehr selten Eis und nie am Vormittag.

Spontan bin ich umgedreht und den langen Weg zum Italiener runtergelaufen, um an der Theke prompt einen langjährigen Freund oder Bekannten zu treffen, der an sich nicht in Wien lebt und seit Monaten meist im Ausland unterwegs ist.

 

Wir treffen Menschen, ohne ihnen zu begegnen

In meiner Kölner Zeit vor 25 Jahren wären wir umgehend miteinander Kaffee trinken gegangen. So machten wir das damals: Spontane gegenseitige Besuche am Samstagvormittag gehörten zur geschätzten Routine.

In Düsseldorf hätten wir vermutlich lange auf der Straße gestanden, uns unterhalten und uns eine Fortsetzung zu anderer Zeit an anderer Stelle versprochen.

In Wien bleibt es bei der leicht unbequemen Fremdelei, den Höflichkeiten und der Erleichterung, wenn bei einem von uns die Erlösung von außen kommt: Das Handy läutet.

Übrig bleiben später Fragen: Gibt es die beschriebenen Unterschiede wirklich? Worin sind sie begründet? Ist mein Erklärungsmodell richtig? Der weitere Nachmittag führt mich innerlich immer wieder an dieser Begegnung vorbei. Ich hinterfrage die Beziehungsqualität, die Situation in der mein Gesprächspartner zur Zeit wohl ist und am Ende auch wieder kurz meinen Status hier in Österreich. Hatte mir mein Sockenexperte nicht morgens noch erzählt, welche Unterscheidung es zwischen den Wienern und den Salzburgern gibt, die ja schon fast Deutsche sind…?

Auf der Rückfahrt höre ich eine typische Samstagnachmittag-Sendung im Radio. Interaktives Radio mit Hörerfragen und -antworten. Eine junge Frau hat einen 27-jährigen Syrer bei sich aufgenommen, den sie nach gut zwei Monaten nicht mehr mitfinanzieren kann und jetzt wieder loswerden muss. Die Hörer-Community soll “entscheiden”, ob das herzlos ist. Für den jungen Syrer ist damit sein neues “Heimkommen” vermutlich bald vorbei.

Hier bin ich die Ausländerin. Daran wird sich niemals etwas ändern. Das hören Gesprächspartner vor dem Ende meines ersten Satzes. Das ist Fremdeln auf exklusiv hohem Niveau. Umso wichtiger ist mir, dass ich spontan bei meinem Nachbarn Kaffee trinken kann.

Wien ist ein Dorf. Wien ist mein Dorf. Hier kenne ich mich aus, hier bin ich zuhause.

 

 

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2 thoughts

  1. Liebe Frau Schulte,
    herzlichen Dank für diese Gedanken. Heimkommen ist ein großartiges Gefühl, zuhause sein und das Vertraute erleben ebenso.
    Auch ich lebe zwischen zwei Welten: Frankreich ist mein Vaterland, Deutschland das Mutterland. Aber ist ein Wanderer zwischen zwei Welten jemals wirklich irgendwo zuhause? Das ist die Frage.
    Liebe Grüße
    Giselle Chaumien

    1. Liebe Frau Chaumien,
      Ihnen danke ich ganz herzlich für die Frage nach dem Zuhause der Wanderer zwischen zwei oder mehreren Welten. Dieses Thema erlebe ich als perspektivisch sehr vielschichtig. Mir stellt sich dabei auch die Frage, was diese Wanderer ausmacht und wie ihr Umfeld sie wahrnimmt. Welche Gefühle entstehen in den Menschen, die dem Wanderer zuschauen, ihn ein Stück des Weges begleiten und sich auf ihn einlassen?
      So, wie Sie zu beiden Herkunftsländern eine enge Bindung erleben, wird auch Sie diese Dualität in Ihrer Sicht der Welt und Ihrem Zugang beeinflusst haben und vermutlich noch immer beeinflussen.
      Das bedeutet je nach Perspektive Reichtum. Es kann auch heißen: Sie sind an jedem der beiden möglichen Heimattische ein wenig fremd.
      Fremd ≠ Reichtum.
      Wir Menschen wollen dazugehören. Die Verantwortung, das Geschenk der Doppelheimat als solches zu interpretieren und zu genießen, liegt bei uns.
      An die Qualität des Geschenkes muss ich mich immer wieder einmal erinnern, wenn ich an einem Tisch sitze, an dem mein Akzent mich als nicht dazugehörig ausweist.
      Danke für diesen wichtigen Input. Ich spüre, dieser Gedanke hat viel Energie.
      Liebe Grüße
      Petra Schulte

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