Journal 2015_32 – Das große Bild

Gesamtwerke entstehen Schritt für Schritt - Sätze Buchstabe und Wort für Buchstabe und Wort
Gesamtwerke entstehen Schritt für Schritt – Sätze entstehen Wort für Wort

Mein Journal – 17. September 2015_31 – Das große Bild besteht aus vielen einzelnen Teilen

Wenn Sie ein Haus bauen wollen, holen Sie sich vielleicht Prospekte in der “Blauen Lagune” oder in anderen Musterdörfern mit Musterhäusern.

Vielleicht tauschen Sie sich auch erst einmal nur mit Verwandten und Freunden aus, bis Ihre Idee Konturen gewinnt und Sie die gezielte Recherche angehen oder ein Grundstück kaufen und einen Architekten beauftragen.

Wie auch immer Sie jeweils in Ihrem Stil ein großes Werk angehen: Es gibt vermutlich eine Annäherungsphase, die nicht unmittelbar erkennen lässt, worauf die weitere Entwicklung hinausläuft.

Bei besonders herausragenden Themen kommt später manchmal die Frage: Wo und wann hat es eigentlich begonnen?

Manche von uns wissen dann noch sehr genau, wann und wo etwas für sie begonnen hat, weil sie einen besonderen Event, einen externen Impulsgeber oder eine beobachtbare Entwicklung verzeichnen können.

Als Frau mit Elefantengedächtnis weiß ich oft noch gut für mein Umfeld, wann sich aus einem Nebensatz oder einem Händedruck ein Abenteuer entwickelt hat. Mitunter werde ich dazu später befragt:  “Sagen Sie mal, Frau Schulte, wussten Sie damals schon…???” – und ich ergänze den Satz im Kopf mit: “…dass aus diesem Sandkorn die große Düne entstehen würde?”

Manchmal, aber wirklich nur manchmal, weiß ich bereits beim ersten Anstoß, dass es sich irgendwann um ein ganz großes Bild handeln wird. Das sind wahre Gänsehaut-Augenblicke.

Sehr viel häufiger mache ich mir erst im Nachhinein ein Bild vom ganz Großen Bild und erkenne: Aha, dieses eine Samenkorn war damals der Initialpunkt. Dort ist es also los gegangen…

Wie auch immer es sich entwickelt: Bunte Lebensläufe machen rückwärts betrachtet Sinn. Große Konzepte entstehen als “Flickerlteppiche” und lassen zu Beginn nicht immer erkennen, wann aus einem zweistelligen Euro-Investment die Einladung zum Riesenumbau erwächst.

 

Worum geht es hier heute eigentlich?

Es geht um Gänsehautmomente und um das große Bild, das aus einzelnen Puzzle-Steinen entsteht.

Es geht um meine gestrigen Gesprächspartner, die sich gerade ein sehr schönes Abenteuer zusammenbauen: Der Personalchef ist mir eine liebe Orientierungsfigur mit hoher Identifikation mit seinem Unternehmen, neugierig, sehr wertschätzend, viel Spirit und Energie. Seine Personalentwicklerin ist dynamisch, fordernd, denkt strategisch und weit und ist sehr, sehr schnell, macht die Laufmeter und ist sowohl Marathon als auch Sprint gewohnt. Die beiden sind ein sportliches Duo. Die gemeinsame Arbeit macht sehr viel Freude! Ich kann mich einbringen, finde wirkliche Auseinandersetzung und lerne im Tun selbst auch weiter.

Wenn wir 2-4 Stunden miteinander arbeiten, sind wir im Anschluss alle drei ordentlich müde.

Haut mein Personalchef plötzlich nach Grübeln und Brüten, Schwitzen, Argumentieren und Kämpfen verbal mit der Faust auf den Tisch und sagt zu mir: “Ich wünschte mir wirklich, Frau Schulte, Sie würden mal deutlicher und früher Klartext sprechen!”, bin ich alles – von kurz erschüttert und innerlich hoch betroffen bis stark berührt, deutlich erleichtert und Mittfünfzig-amüsiert. Meine Ernsthaftigkeit siegt sofort, denn eines ist klar: Hier geht es jetzt wirklich um etwas Großes.

Wir verdichten das Gespräch und die Beziehung.

Eine Stunde später bei der Verabschiedung kommt: “Sie haben es uns im Dezember 2014 gesagt. Wir haben es gehört, doch wir haben nicht verstanden, wovon Sie reden….”

Und ich sage nur so etwas Ähnliches wie: “Ja, …”

Gleichzeitig weiß ich, im September 2014 habe ich meinen “Klartext” noch unterdrückt, denn ich wäre heute, im September 2015, gar nicht in diesem wundervollen Projekt, hätten meine beiden Ansprechpartner damals bereits ihren selbstgewählten Weg erkannt.

Hätten meine gedachten Sätze “Sie müssen sich einen wirklichen Auftrag vom Vorstand holen!” “Sie müssen die Manager einbinden und abholen!” “Sie sollten die Wirkzusammenhänge zwischen Ihrem Wunsch und seinem Effekt auf die Organisation bei Erfüllung und Erfolg berücksichtigen!” zu diesem Projekt geführt? Hätten die beiden beim Ausblick auf ihre heutigen Fragen, Nöte und internen Aufträge tatsächlich voller Begeisterung “Ja” zum eigenen Mut gesagt?

Oder hätten sie sich gegruselt und ihr großes Thema ganz schnell wieder weggepackt?

 

Keine Ahnung. Das ist heute alles nicht mehr wichtig, denn im Dezember haben sie engagiert die ersten Ideen ausgepackt und alle systemischen Fragen und Grundsatzdebatten erst einmal durchgewunken. Inzwischen ist das Projekt ein Vorstandsauftrag. Sicher, der Vorstand hat nicht immer unter Kontrolle, welche Pandora-Büchse er verschenkt hat. Richtig ist auch, dass sich das Projekt in geregelten Bahnen allmählich herauskristallisiert und in allen Farben in einem Tempo zeigt, das die Organisation gut nehmen kann. Alles hat seine Zeit.

 

Die erfolgreichsten USP-D Projekte der letzten 17 Jahre und überhaupt die erfolgreichsten Personalentwicklungsprojekte, die ich seit 1993 begleiten darf, sind alle so entstanden: Ein Geschäftsführer, Vorstand, Personalchef oder Personalentwickler hat einen inneren, immer lauter werdenden Impuls in der Art von: “Man müsste doch, das sollte doch so, wieso machen wir nicht gleich so…?” Die Mutigsten unter ihnen waren dabei immer die Personaler. Visionär, neugierig, von einer größeren, komplexen Idee angestochen.

Hätten alle von vornherein gewusst, dass sie mit ihrem ersten Streben und den sich daraus entwickelnden Schritten ihren Konzern maßgeblich auf die Zukunft vorbereiten und Hunderte von Kollegen auf eine Entwicklungsreise schicken, die dem Unternehmen wirklichen Mehrwert sichert, hätten sie vielleicht gesagt: “Au ja, lassen Sie uns das machen! Ich bin dabei!”

Ich bin mir jedoch sicher, manch einer hätte stattdessen gesagt: “Ach nee, Frau Schulte. Machen Sie das doch erst mal woanders. Das passt gar nicht zu uns. Unsere Organisation ist noch nicht so weit. Und wenn Sie dann noch ein bisschen Zeit haben, reden wir mal über einen Teamworkshop. Übrigens, wir brauchen da noch ein Einzelcoaching für einen unserer Geschäftsführer…”

Alles richtig und berechtigt. Jedes Ding braucht seine Zeit.

 

Mut wächst im Tun!

Das habe ich immer wieder überprüfen dürfen. Alle, die mir in diesem Feld des Tuns begegnet sind, sagen später mit Fug und Recht: “In Wirklichkeit war es ganz leicht. Wir haben einfach einmal angefangen. Der Rest hat sich logisch gefügt. Glück hatten wir auch. Doch darauf waren wir vorbereitet, denn als wir erst einmal unterwegs waren, hätte uns niemand mehr stoppen können. – Und: Es hat Spaß gemacht! Wir waren richtig gut!”

Dieses Eigenlob höre ich mir gern an. Ich durfte schließlich mitgehen und hatte auch Spaß und war auch richtig gut. Ich durfte mit diesem Spaß durch die ganze Welt, nach China, Mexico, in die USA, in die Türkei, nach Russland, Malaysia, Indien, … Wir schauen auf tolle Gemeinschaftsproduktionen, die in vielen Fällen eine Anlaufphase von 3, 6, 12 Monaten hatten und schließlich zu einer Umsetzungsphase von 3, 5, 10 Jahren und noch viel längerer Wirkung führten.

Hätte ich allerdings jedes Mal, wenn ich gefragt wurde, wohin denn nun genau die neue Personal-Thuja gesetzt werden könnte, gleich den großen Organisations-, Change- und Personalentwicklungsbagger herausgeholt, um statt eine angemessene Antwort auf die Frage anzubieten, erst den Vorgarten und schließlich das ganze Haus zu planieren, wären diese wundervollen Abenteuer und großen Bilder deutlich seltener zustande gekommen.

So aber habe ich zwar gedacht und gesagt, was ich wirklich zu sehen glaube, doch wir Menschen hören selektiv und handeln selbstgewählt. Und auf diesem schönen Weg darf ich ein Stück mitgehen und bin fasziniert davon, wie aus vielen kleinen Teilen ein unglaublich klares, überzeugendes Großes Bild wird.

 

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6 thoughts

  1. Liebe Petra,

    ich spaziere gerade während des Lesens meinen Entwicklungsweg vom “faulen Jagdhund” zum “Kampfschaf” entlang und amüsiere mich köstlich darüber!
    Mit deinem Beitrag hast du intensive Erinnerungen geweckt, die mir heut ganz bestimmt meinen Tag versüßen.
    Also ich kann für mich sagen das ich Anfangs völlig planiert wurde :-)), aber auch mit Freude feststelle, dass das neu gepflanzte Samenkorn sich zu einer schönen Gartenlandschaft entwickelt hat!
    Und ich weiß noch wie heute, wie alles begonnen hat!
    DANKE!

  2. Wichtig ist immer dieser erste Schritt und der Wunsch zur Veränderung,
    mit Begleitung durch einen interessierten Partner.

    Der Rest fügt sich.

    In diesem Sinne – weiter gutes Puzzeln.

    1. Lieber Christoph, ja. Das stimmt in allen Fällen. Jeder Berg beginnt mit dem 1. Schritt, jedes Gebäude irgendwo mit dem 1. Spatenstich oder dem Äquivalent dazu. Doch die großen Personal- oder Organisationsentwicklungsprojekte werden in meinem Business sehr häufig aus unserer Profi-Sicht anders gedacht und anders gewünscht. Theorie und Praxis dürfen sich widersprechen, sehe ich immer wieder, denn nur so entwickeln sich beide weiter: Die Theorie und die Praxis. So entstehen neue Lehrbücher und neues Wissen.

      1. Liebe Petra,
        ich denke, das ist der Unterschied zu unseren technischen Projekten. In der Untersuchungsphase hat man eine Idee, aber die kann sich entsprechend den Kundenwünschen und Anforderungen noch ändern. Aber dann ist irgendwann mal fix.

        Organisationen, Strategien, sind bewegliche, fast möchte ich sagen Organismen, und dann noch verschiedene Menschen dabei. Sehr spannend, wie da ein angestoßener Prozess plötzlich ganz andere Dinge und Blockaden, Wünsche, Ideen hervorbringt.

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