Journal 2015_33 – Einen guten Abschluss finden

Ende der Indifferenz
Ende der Indifferenz

Mein Journal – 24. September 2015_33 – Einen guten Abschluss finden – wenn es Zeit für das Ende ist…

Sie kennen es vermutlich selbst: Die x-te Einladung eines guten Bekannten, im falschen Moment eine lange SMS mit besonders guten Wünschen für Ihren anstehenden Urlaub, Fragen nach Ihrem Tag und Ihren jüngsten Projekterfolgen, oder der 20. Anruf einer Freundin, der zeitlich nicht so ganz ins Bild passt, weil er sicher wieder länger als nötig dauert und die Anliegen dennoch so ‘wichtig’ sind, dass Sie sich nicht grob ausklinken wollen, wenn Sie überhaupt gleich zu Beginn zu Wort kommen.

Soll oder will ich immer gleich sagen, was ich denke? Will ich andere Menschen damit vor den Kopf stoßen? Will ich sagen: DU JETZT NICHT!!! oder einfach ignorieren, was mir gerade an Aufmerksamkeit zuteil wird? Zuerst einmal muss ich doch für mich klären, ob ich falsch unterwegs bin – schlecht gelaunt, unpässlich, unter Stress – oder ob der andere nur einfach gerade unpassend zur virtuellen Tür hereinkommt. Ist er oder sie nur zur falschen Zeit am falschen Ort oder in seiner oder ihrer ganzen Art einfach richtig falsch in meinem Leben aufgetaucht?

Die Reihe meiner Fragen ist viel länger als hier abgebildet.

Es gibt sie, die Vampire, die Energieräuber, die sich über viele Jahre, sogar Jahrzehnte freundlich grinsend in unseren struppigen Nackenpelz setzen und von dort aus mit ihrem Mundgeruch ob der schlechten Zähne zu uns nach vorne lächeln. Greifen wir hin, schmiegen sie sich an, verschwinden so im Kragen, dass wir sie nicht zu packen bekommen. Sie schmeicheln, loben und heben uns, damit wir sie uns nicht umgehend aus dem Pelz drehen. Sie sind ein wenig wie Zecken, schleichen sich an und kriechen unbemerkt an uns hoch. Irgendwann spüren oder erkennen wir sie, weil sie sich schon so schön voll- und festgesaugt haben.

Fänden wir sie bei unseren Hunden oder Katzen, hätten wir sie schnell im Griff und endversorgt.

Einige von ihnen sind relativ klein, an sich von außen harmlos, teils ein wenig schäbig. Sie kosten mich Aufmerksamkeit, denn sie rühren mich sogar, weil sie so bedürftig und situativ fast immer in Not sind. Inzwischen habe ich eine feine Nase für genau diese Falle entwickelt. Die kleinen Schäbigen, die Beziehungsgollums, reizen mich und fordern mich heraus. Sie sind wirklich wie Zecken. Die Bissstelle juckt, ich fange an, sie zu reiben und frage mich unkonzentriert, was mich so unruhig macht und ablenkt.

Schaue ich hin, kann ich es erst gar nicht richtig identifizieren. Ich wurde doch nur wieder gehoben, bewundernd “befeedbacked” und beschmeichelt, um Rat befragt. Wichtig durfte ich wieder sein, meine Meinung sagen, meinen Geschmack teilen. Bewundert wurde ich für meinen Mut im aktuellen Projekt, für meine Klarheit zu Kunden und Kollegen, für meinen Stil, meinen Auftritt, für meine ganze Art, das Leben zu meistern… Wieso juckt es mich dann so, dass ich nach dem Kontakt nicht mehr zur Ruhe komme? So eine Bissstelle reizt mich manchmal Tage oder gar Wochen.

Diese Beziehungsgollums locken die schlimmsten Seiten in mir hervor. Sie machen mich mit ihrer Schmeichelei hässlich. Ich werde gemein. Erst nehme ich sie ernst und leihe ihnen mein Ohr, verkneife mir das negative Feedback, liefere auf ihr Drängen und ihre Bitte einen Rat oder eine Empfehlung. Ich gebe auf Anfrage Unterstützung – und lege mich zugegebenermaßen erst seit einiger Zeit nach dem gegebenen Rat auf die Lauer.

Jetzt will ich es wissen: Was macht mein Gollum mit dem Angebot? Wann kommt dazu ehrliches Feedback über Erfolg oder Misserfolg? Ich will wissen, wieso jede Form von Hilfe im Sand verläuft, nichtig ist, hochgelobt nicht funktioniert hat, viel gepriesen die Rettung war, die am Ende nicht greift.

Mein gutes Gedächtnis ist dabei fatal: Ich merke mir Geschichten und fasse nach, wenn ich mit einer Wiederholung desselben Dramas verführt werden soll.

Wer “Herr der Ringe” gelesen hat, weiß: Sméagol, Gollum, ist ein geschickter Wendehals, eine raffinierte Wandelgestalt, eine argumentativ starke Koboldfigur, die gut begründen kann, wieso unsere Hilfe sehr wertvoll – aber leider, leider, leider – dieses Mal völlig unwirksam war. Jedes Mal ein neues Rätsel, das “es” lösen soll. Jedes Mal ein neuer Schmäh, für den ich mich ehrlich anstrengen darf.

Früher, vor vielen Jahren habe ich nur geliefert. Immer wieder. Wenn es mir dann gereicht hat, weil ich trotz kleiner Erfolgsmitteilungen keine wirklichen Änderungen oder Anstrengungen beim Gegenüber erkennen konnte, wurde ich irgendwann grob. Daraus konnten ein Durchbruch oder ein Beziehungsbruch entstehen. Beides war mir recht. Hauptsache, ich konnte Bewegung, Entwicklung feststellen.

Das habe ich mir offensichtlich mit dem Erwerb meiner beruflichen Fertigkeiten abgewöhnt. Auch wenn mich mancher Insider aus meinem Umfeld noch immer als brutal direkt und unverblümt beschreibt, bin ich für meinen persönlichen Geschmack eine zahnlose alte Katze im Umgang mit lästigen Zecken geworden.

Die Indikatoren, die mich heute früh warnen, sind glücklicherweise deutlicher geworden. Untrügliche Zeichen – und hier lasse ich mich gern korrigieren und lerne vielleicht wieder zurück – scheinen mir die artikulierte Anteilnahme und das laute Mitgefühl. Mein Tag wird befragt, meine Erfolge hochgelobt, meine Selbstkritik bewundert, meine Herausforderungen bekommen ein pauschales, unkritisches: “Du schaffst das! Du bist gut!” Jedes Teilen führt zu Kommentaren, Feedback und schlimmer noch: Interpretationen.

Jede Form von Abgrenzung führt im Gegenzug zu jämmerlicher Kleinheit, Demut, Unterwürfigkeit. Man wollte doch nur teilhaben. Tabuthemen und -zonen entstehen. So lange ich den Kontakt nicht gezielt und von mir ausgesprochen abbreche, wird er immer wieder aufgenommen. Mein Vampir scheint sich auch aus der Ablehnung zu nähren.

Der emphatische Parallelflug des Gollum hat etwas Reizvolles. Reizvoll dahingehend, als ich darauf direkt gereizt und abgrenzend reagiere. Das schlägt das arme Tierchen – nein, nicht in die Flucht! – nur in die Deckung. Es schmiegt sich reumütig wieder in meinen Kragen und wartet auf eine neue Gelegenheit oder sucht nach einer anderen Annäherung. Es geht nur darum, im Kontakt zu bleiben, sich mit unterschiedlichen Zugängen Türen bei mir oder in Ihrem Fall bei Ihnen offen zu halten.

Die Kommunikationswege sind Email, SMS und WhatsApp und gern auch wieder einmal ein persönlicher Brief. Der allerdings lässt bei mir sofort alle roten Flaggen hochschnellen. Die Kommunikation geschieht so schön en passant. Sollten tatsächlich echte Telefonate oder gar persönliche Treffen stattfinden, vielleicht sogar zeitlich vorher vereinbart, bin ich besser voll konzentriert und widme mich. Bin ich nicht ganz bei der Sache, fliegt mir früher oder später das ganze Elend meines Gollum um die Ohren. Bin ich bei der Sache, wird es ebenso anstrengend. Ich kann hier nicht gewinnen. Das Elend meines Gegenübers sitzt mir in den Knochen. Gewonnen und sich genährt – egal, wie der Kontakt abläuft – hat am Ende immer der andere.

Ich kann es drehen, wie ich will: Ich zahle zeitlich und emotional drauf und ärgere mich hinterher für Tage, Wochen, Monate, dass ich wieder in diese Falle getappt bin.

Nachdem ich mir in der virtuellen Welt der SMS und Fernkommunikation die Grobheit abgewöhnt habe, war mein erster Ausweg das heimliche Ausschleichen: Reaktionszeiten verlängern und Antworten aussitzen. Doch das ist nur ein billiges Spielchen.

Mein zweiter Ansatz waren Abschiedsbriefe: “Ich will (dich) nicht mehr, weil…” – Oh je, …, welch Drama. Auf Brief folgt Brief.

Eine weitere Variante ist das Blockieren der elektronischen Kontaktzugänge.

Alles das ist KEIN guter Abschluss. Ich muss für mich klar haben, was in mir abläuft. Aussitzen und Verdrängen helfen mir nicht. Besser ist, ich sage es meinem Gollum. Die Erfahrungen mit diesem Vorgehen sind noch nicht so eindeutig positiv und überragend. Darauf folgen neben “tiefer Verletztheit” wieder die gleichen Muster von Demut bis Biss.

Nun habe ich mindestens eine Woche mit diesem Text gekämpft, vorsichtig in meinem Umfeld gewarnt, dass er kommt, damit sich nicht die falschen Leute angesprochen fühlen, und habe noch keine gültige, pragmatische Antwort, wie ich den guten Ausstieg gestalte.

Wie ziehe ich mir endlich aus dem Pelz, was sich dort nur zum persönlichen Zeitvertreib und aus reiner Gier festgehakt hat? Wie machen Sie das? Gibt es die hier beschriebenen Gollums auch in Ihrem Leben?

Sie haben meine Emailadresse und können sich genauso auch hier äußern. Ihre Expertise ist gefragt.

 

 

Download PDF

5 thoughts

  1. Liebe Petra,
    bin ich froh, dass ich nicht unter solchen Freunden/Bekannten/Kunden leide!
    Allerdings verstehe ich das Problem nur zum Teil.
    1. Gruppe – Natürlich ist es manchmal schwer, wenn ein Anruf oder Gespräch gar nicht passt und man den anderen aber nicht verärgern will. Aber ein Satz wie: “Im Moment kann ich gar nicht telefonieren, ich rufe zurück.” wird eigentlich von jedem Menschen in meinem Kontaktkreis verstanden und nicht übelgenommen. Dann lasse ich mich aber auch auf kein Gespräch ein, warum ich denn im Moment gar nicht telefonieren kann oder dass es gaaaanz wichtig ist.
    2. Gruppe – Die Kategorie der hier sogenannten Vampire oder Beziehungsgollums lasse ich, glaube ich, nicht wirklich an mich heran. Wenn ich um Rat gefragt werde, diesen dann bereitwillig gebe und anschließend sehe, dass nichts davon angenommen wird, dann sage ich bei der nächsten Frage zum selben oder ähnlichen Thema, da kann ich dir nicht helfen, du nimmst meinen Rat nicht an. Und wenn es sich um Leute handelt, die mich aussaugen oder sich in meinem Licht sonnen wollen, dann habe ich kein Problem damit, diesen Kontakt abzubrechen.

    Ich glaube, wenn man Leute als “Beziehungsgollums” beschreiben muss, dann sollte man diese so schnell wie möglich aus seinem Bekanntenkreis streichen. Da ist Rücksichtnahme fehl am Platze und wird vermutlich nicht einmal verstanden.

    1. Liebe Hildegard,
      Danke für die Stellung- und Teilnahme. Gruppe 1: Um das “Jetzt im Moment leider gar nicht – ich rufe zurück” bin ich nicht verlegen. Das findet statt und hat nichts mit der von mir beschriebenen Personengruppe zutun. Das wird auch gern genommen/verstanden.
      Es geht in der Tat um das komplette Streichen. Ihr letzter Satz beschreibt es aufs Haar.

  2. Liebe Petra,
    die Beschäftigung mit “Einen guten Abschluss finden” hat mittlerweile verschiedenste Facetten bei mir zu Tage gefördert. Daran sehe ich, dass es ein doch recht vielschichtiges Thema ist. Wie “bald – gut – endgültig – vorübergehend” ES gelingt, hängt aus meiner Erfahrung ganz stark davon ab, in welcher Beziehung ich zu meinem Gegen-/Mitspieler stehe: Wieso interessiert mich Person X? Und welche Zuneigung empfinde ich Person X gegenüber?
    Das klingt jetzt vielleicht pragmatischer als es von mir gedacht ist und einfacher als es im realen Leben daher kommt. Denn selbst wenn die Geben-Nehmen-Balance äußerst unausgeglichen ist, habe ich es stets anstrengend und schwierig und emotional erlebt, den Abschluss zu vollziehen. Den guten Abschluss gestalten ist ohnehin DIE große Herausforderung: Gut war es für mich stets dann, wenn ich mich offen und ehrlich mitgeteilt habe (Verletzungen sind unausweichlich), gesagt habe, weshalb ich die Trennung wähle, für mich brauche.
    Ich habe auch Energieräuber in meinem Umfeld, wo es mir hilft, die Kontakt-Dosis zu ihnen gering zu halten, – ein Zuviel von dieser “Sorte” geht nicht, und die Türe endgültig schließen würde auch nicht stimmig sein und mir nicht gut tun.
    Dennoch, zu manchen Vampiren oder Gollums sind die Brücken einfach abzubrechen. Oder nur einzuziehen, wenn es um ein bestimmtes immer wiederkehrendes Thema (Leid, Anliegen, Not, Frage, Schmerz) geht, zu dem man schon oft genug seinen möglichen Beitrag geleistet hat … und dies ohne Wirkung blieb. Gerade das kann sehr erleichternd für einen selbst sein, sowie eine Einladung an den anderen, sich anderweitig zu orientieren. Ich glaube, diese Möglichkeit kann viel Klarheit schaffen!
    Herzliche Grüße, Romana

    PS: Brücke einziehen hinsichtlich Thema, nicht die Beziehung beenden, – meine ich.

    1. Liebe Romana,
      gerade dein PS habe ich tatsächlich mehrfach gehört und gestehe, der Weg der partiellen Abgrenzung wäre mir selbst so nicht in den Sinn gekommen. Finde ich nachvollziehbar und werde ich ausprobieren. Mich beschäftigt der Beitrag auch noch weiter. Danke dir für deine Stellungnahme und Empfehlung. Ich werde den einzelnen Ideen auf jeden Fall weiter nachgehen, um für mich herauszufinden, welche Zusammenhänge zu welchen Reaktionen führen.
      Liebe Grüße
      Petra

  3. Lieber Henner,
    das habe ich bereits.
    Erfolgreich.
    Manches schreibe ich, weil ich es gerade getan habe.
    Manches schreibe ich, um es direkt danach zu tun.

    Danke für den Link.

Comments are closed.