Journal 2015_5 – Muss ich alles kommentieren?

Abendgedanken
Abendgedanken

Mein Journal – 16. Juli 2015_5 – freiwillige Enthaltsamkeit

Nicht alles ist einen Kommentar wert. Oder anders: Kommentare heben vieles in die Aufmerksamkeit – Verzicht hätte an manchen Stellen mehr Charme. Social Media und die Schwemme der An- und Aufregungen sind schon ein interessantes Spiel.

Wie sieht es denn wirklich mit den großen Lehren und Messages aus? Verpuffen sie unvernommen, weil sie in der Masse untergehen?

Lese ich mir Twitter-Postings durch, jagt eine witzige Formulierung die nächste. Die Profile der Autoren sind oft einzigartig. Selbst kommerzielle Postings sind kaum noch von kreativen Individualisten zu unterscheiden. Ein Kurzname ist ausgefallener, einprägsamer als der nächste. Echtnamen finden sich nur in Ausnahmefällen und wirken im Vergleich dazu hausbacken, naiv, “umprofessionell”. So twittert, blogged, posted Mann/Frau nicht. Ein Pseudonym muss her.

Mit Lupe und Twitter-, Facebook-, s.m.-untypischer Geduld lassen sich Differenzierungen finden: Wer hebt sich durch Sarkasmus aus der Masse hervor? Wo wird vorrangig regionalpolitisch, gesellschaftskritisch, persönlich betroffen oder einfach nur persönlich interessiert reagiert? Was bedeuten Lautstärke und Selbstreflexion? Wann ist vom einen oder anderen oder gar beidem zuviel vorhanden? Wer ist hipp und wodurch? Was macht mich attraktiv?

Social Media setzt bekanntermaßen längst neue Spielregeln. Gender, Alter, Status, Regionalität sind teils gut erkennbar. Haltungen lassen sich ausmachen und wirken sich stark auf den Stil und die Gefolgschaft aus. Ähnlich wie in Freundschaft braucht Augenhöhe gilt auch hier: “Sage mir, wer dir folgt und wem du folgst, und ich sage dir, wer du bist…”. Augenhöhe ist dabei durchaus ein Attraktivitäts-Kriterium. Wodurch wird sie bestimmt?

Meine jüngste Erkenntnis ist für die Blogger- und Twitter-Community vermutlich längst eine Selbstverständlichkeit, doch ich bin hier naive Neueinsteigerin, Zaungast, vielleicht wieder nur [zuagra:st] (vulgo: aus einem anderen “Landstrich” zugezogen): Social Media sind schnelllebig auf ihrer Oberfläche. Dahinter bedingen sie beinharte Disziplin, Durchhaltevermögen, einen langen Atem, eine feine Nase für Relevanz und viel Geduld. Intuition hilft auch, wäre jedoch als Hauptkompetenz zu wenig.

Mir scheint, das ist ein Sport fürs dynamische, junggebliebene Mittelalter. Hier entdecke ich mehr Mittdreißiger, Enddreißiger und Mittvierziger als die Teens und Twens, die ich in diesem Umfeld vermutet hätte. Ausdauer zahlt sich aus. Wird sie unterstützt durch klar identifizierbare Interessenfelder oder vielseitige Interessen, erhöht sich die Zahl der Andockflächen.

Sport deshalb, weil die meisten Kommentatoren sich wie Vollberufstätige lesen – angestellt, selbständig, unternehmend. Sie schaffen die hohen Frequenzen und qualitativ anspruchsvollen Inputs neben ihrer Haupterwerbstätigkeit, wirken überaus erfolgreich, fokussiert und professionell – und legen zu den Abend- und Nachtstunden noch einmal ein Scheit drauf. Beeindruckend.

Das werde ich nun einmal verdauen gehen. Pause. Fern vom Rechner lasse ich mir die Sonne auf den Pelz brennen.

Das Hier und Jetzt stehen im Zentrum. Ich übe mich in Nah- und Weitsicht zugleich. Achtsamkeit und der konzentrierte Blick auf meinen jeweils nächsten Schritt verbinden mich mit dem Augenblick. Alle paar Sekunden das ganz große Zielbild im Visier – so halte ich die Richtung bei. Wenn ich aus meiner freiwilligen Enthaltsamkeit zurück kehre, möchte ich in der sportlichen Gesellschaft mitspielen dürfen und meine Disziplin, Ausdauer und gute Kondition erfrischt zur Verfügung stellen.

 

 

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4 thoughts

  1. Liebe Petra!
    “Nicht alles ist einen Kommentar wert” – aber manches schon!
    Something to remember…
    Ich habe es vergessen. DEN Meilenstein im eigenen Leben. Vorbei! Aber sei gewiss, dass ich an dich gedacht habe und sieh’ her, heute statte ich dir einen Besuch ab!
    Wo immer du dir gerade die Sonne auf den Pelz brennen lässt, dich in Weitsicht übst (ohne das Naheliegende außer Acht zu lassen), den Augenblick genießt, achtsam deine nächsten Schritte wählst und dich in bloggender Enthaltsamkeit übst – ich wünsche dir alles Gute!!! Nicht nur dort, sondern auch zurück im brasseligen, anstrengenden und dicht getakteten Alltag. Lass’ dich drücken…
    Wie immer du es schaffst, neben den vielen Bällen in der Luft noch solche Texte zu verfassen, weiß ich nicht. Aber es macht Freude, ab und an ein Häppchen P.S. zu betrachten, zu beschnuppern und sich (genüsslich) einzuverleiben. Gehaltvolles. Schwer und leicht Verdauliches (sehr appetitlich angerichtet). Bodenständiges. Exotisch-Experimentelles. Ganz nach Gusto! Man spürt, dass es dir wichtig ist und Freude macht.
    Also weiter so – her mit einem Nachschlag – von Zeit zu Zeit!

    Alles Liebe, K.

    1. Liebe Katrin,
      ganz, ganz herzlichen Dank! Das Schöne an der letzten Woche: Unerreichbarkeit. Wo kein Netz, da kein WLAN, kein Email, kein SMS.
      Alles Liebe
      Petra

  2. Liebe Frau Schulte,
    Sie sprechen mir aus der Seele. Bei Social Media ist nicht selten weniger mehr.
    Vielen Dank für diesen gelungenen Beitrag.
    Liebe Grüße
    Giselle Chaumien

    1. Danke! Das hat mich wirklich sehr beschäftigt. Die Auseinandersetzung damit ist noch nicht vorbei. Ich habe einiges durch Zuschauen gelernt und einiges als unnötiges Lernen gleich wieder ausgemerzt.
      Liebe Grüße
      Petra Schulte

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