Journal 2015_6 – Nimm es, wie es kommt

Nach(t)gedanken
Nach(t)gedanken

Mein Journal – 27. Juli 2015_6 – Nimm es, wie es kommt

Endlich wieder zuhause. Für manchen Heimkehrer heißt das: Wäsche waschen, bügeln, alles wieder wegpacken. Bloß keine Spuren von der Auszeit hinterlassen, über die ich morgen stolpern könnte. Geschafft.

Die Business-Variante dazu: Emails lesen, Post öffnen und auf Wesentliches schrumpfen, die kommende Woche vorbereiten. “Start klar” für den nächsten Einsatz. Auch geschafft.

Die meisten von uns müssen beides bewältigen – das Heimspiel und den eleganten Sprung in die Professionalität. Das finde ich noch alles berechtigt.

Gleichzeitig spielt es mir den Irrsinn unseres Auf und Ab zurück: Von 0 auf 100 in allerkürzester Zeit und aufs Beste organisiert. Bloß unterwegs keinen Schwung verlieren.

Die Auszeit gehört bestmöglich genutzt, der Neustart bestmöglich vorbereitet, die Erholung bestmöglich konserviert.

Wenn früher vom Freizeitstress die Rede war, hörte ich folgenden Appell: Bring größtmögliche Vielfalt in kürzester Zeit unter – sei effizient.

Heute höre ich beim Thema Auszeit einen ähnlichen Anspruch: Vermeide Störungen, quetsch größtmögliche Erholung aus der gegebenen Zeit – sei effektiv.

 

Freizeitstress mutiert zu Reflexionsstress

Ich beobachte eine neue Form von Stress. Mit etwas Glück bewältige ich nämlich in kürzester Zeit multiple Funktionalität und Mehrfachnominierungen:

  1. Auszeit = weit weg und tatsächlich abgeschaltet vom Business. Das gelingt erfolgreich, wenn ich plausibel sagen kann: „Sorry, ich hatte weder WLAN noch überhaupt ein Netz…“
  2. Erholung = effektiv ist, wer sich jeder elektronischen Versuchung entsagt – ein Kindle ist dabei gerade noch legitim. Lesen bildet…
  3. Wahre Ich-Zeit = Nichts und niemand darf sich ins Bild drängen. Das volle Programm, das beste Zimmer, der beste Tisch. Mit Glück habe ich die volle Punktezahl geschafft, denn ich hatte obendrein Geburtstag. Die Wünsche „lass’ dich feiern, erhol’ dich gut, genieß’ den Tag“ hörten sich fast so an, als sollte ich ein 72-Stunden-Programm in ganzen 24 Stunden abspulen. Doch Stephen R. Covey hat mich vor fast 20 Jahren in „Der Weg zum Wesentlichen – Zeitmanagement der 4. Dimension“ gelehrt, wir können mit guter Planung Mehrfachqualitäten in einer einfachen Zeitdimension unterbringen.
  4. Reflexion = die Auszeit und die Erholung ‚nutzen’ und aus dem gewonnenen Abstand heraus mit den richtigen Antworten und Entscheidungen zurückkommen. Damit wäre die neue Version vom Freizeitstress ausgereift.

Das ist ein sehr vertrauter, selbst definierter Auftrag, dem ich gerade noch entschlüpft bin.

Urlaub als Allheilmittel oder einfach nur mal als Zwischenmahlzeit? Geht es Ihnen auch so, dass Sie sich die Frage nach der Bedeutung und Wirkung eines Urlaubs stellen?

 

Große Urlaube verführen zu großen Erwartungen

Mein erster Ayurveda-Urlaub hat einen solchen Vor-Stress ausgelöst, dass ich die Buchung gar nicht erst durchgeführt sondern um ein Jahr verschoben habe. Ich wollte mich angemessen vorbereiten können. Im Hintergrund lief das Programm: „Was, wenn ich danach keine Lust mehr auf meinen Job habe?“ Danach wußte ich, die Job-in-Überzeugungskrise-Gefahr war völlig irrelevant. Bahnbrechende Erkenntnisse warten nicht auf meinen Urlaub, wenn sie nicht sowieso in mir angelegt sind. Auch das Sabbatical bringt hervor, was bereits in uns schlummert.

 

In kleinen Urlauben wollen die großen Erwartungen komprimiert erfüllt werden

Große Erwartungen habe ich vor allem an die Denk- und Reflexionszeit. Reflexionsstress – mein neues Lieblingswort: Reflektier’ ein wenig schneller, richtiger, fokussierter. Das erleben wir schließlich wiederholt in unseren Seminaren und Workshops. Wenn Workshops und Weiterbildungen immer kürzere Präsenzzeiten haben, wird auf effektivere Arbeit, schnellere Wirksamkeit und damit eben auch auf richtigere Reflexion abgezielt.

Wie reflektiere ich bitte schneller, richtiger, fokussierter? Hilft es, wenn ich mich in der Auszeit statt auf die Umgebung und ihren äußeren wie inneren Reiz auf Stichwortlisten und einschlägige Literatur konzentriere? Damit habe ich sensationelle Erfolge: Ich packe beides gar nicht erst aus – und seit Neuestem auch gar nicht erst ein.

Alternative 1: Ich führe ausschließlich sinnstiftende Gespräche, die vor allem meine Anliegen in den Fokus setzen. Meine armen Gesprächspartner fragen sich, auf welchem Trip ich bin. Habe ich jemanden an meiner Seite, der eine ähnlich lange Themenliste hat und ebenso dringend Reflexions- und Denkzeit braucht: Wir losen aus, wer zuerst dran ist und wer länger reden darf.

Alternative 2: Mit „Lernen im Schlaf“  und Superlearning nutze ich die nächtliche Rekreationszeit auch noch sinnvoll. Schade, dass es dort kein fertiges Programm mit meinen diesjährig relevanten Fragestellungen gibt.

Wozu diese Doppelbuchungen und Umwidmungen, wenn wir erfolgreiche Wege finden, sie zu unterlaufen?

Diese Beispiele nehmen Sie bitte als Reflexionsstressvarianten. Sie dienen keineswegs als Empfehlungen sondern sollen beschreiben, wie gut wir in der Selbstausbeutung sind.

 

Unsere Eltern sprachen von Luftveränderung und Tapetenwechsel

Altmodische Worte und ein wirkungsvolles Konzept: Veränderte Luft und ausgewechselte Tapeten – auch die im Hotel – lassen Eindrücke entstehen, die in mein Bewusstsein sickern. Die fremde Topographie, die regionale Kultur, situative Düfte, Gewürze, die Konsistenz der Speisen, die Farbe des Himmels, die unterschiedlichen Formen von Wärme, gespeichert in schwarzem Asphalt oder uraltem Gestein – nichts davon muss gleich als Analogie zu meiner Arbeitsrealität herhalten. Nicht jede Andersartigkeit, nicht jedes neue Gefühl muss gleich metaphorische Qualitäten erfüllen. Es reicht durchaus, wenn sie stattfinden und ich sie mal bewusster, mal unbewusster wahrnehme oder gar in mir als soeben beobachtet abspeichere.

 

Wie war die Auszeit?

Sie war richtig schön, diese Zeit. Das Handy war zu 99,9% der Zeit aus: Kein Netz. Geburtstags-SMS haben mich Tage später erreicht. Geburtstags-Emails gar nicht. Ich war im Hier und Jetzt – und das meist so intensiv, dass ich keine Zeit für Reflexionsfragen hatte. Wenn sie mir von hinten auf die Schulter sprangen, hatte ich gerade keine Hand frei, um sie einzufangen und rasch in mein Tagebuch zu quetschen. Ohne Netz kein Siri und kein Dragon – also verpasst, verblasst, vergessen.

Ach ja, das Tagebuch musste ich teilweise als Lager für Zeichnungen, Tickets und für die Streichliste für den nächsten Urlaub umwidmen: Was bleibt beim nächsten Mal zuhause?

Doch. Die Auszeit war nun wirklich gut: Mein Tagebuch kam als erstes nach der Rückkehr mit Sorgfalt zurück in seinen Ledereinband. Darin verstecken sich ein paar winzige Gedankensplitter, die sich ziemlich sicher an die Oberfläche arbeiten – ohne dafür auf einen Urlaub zu warten.

Ich nehme es, wie es kommt. Denn es kommt sowieso.

 

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