Journal 2015_7 – Wenn ich es verstehen will

Nach(t)gedanken
Nach(t)gedanken

Mein Journal – 28. Juli 2015_7 – Wenn ich etwas wirklich verstehen will

muss ich mich mit einem Sachverhalt auch wirklich auseinandersetzen. In meinem Beruf begnügen wir uns mitunter mit einem raschen Blick von oben auf eine Angelegenheit, eine Situation, ein Konzept und glauben, den Gesamtzusammenhang bereits erkannt zu haben.

Manchmal stimmt das ja auch. Der Ornithologe und der Verhaltensdiagnostiker schauen am liebsten rasch auf die Unterschiede und wissen jeweils für sich:

Ornithologe: Hat Flügel, hat Schnabel, macht Geräusche – lebt und ist vielleicht ein Vogel. Schwimmhäute und orange-gelber Schnabel sprechen mehr für Ente als für Adler.

Verhaltensdiagnostiker: Hat Kopf, hat Hände, hat Füße, spricht – lebt und ist vielleicht ein Klient. Geschmeidige, empathische Antworten, gutes Auftreten und smartes Aussehen sprechen mehr für Potenzial als umgekehrt…?

So schnell geht das also?

Nein. Es dauert deutlich länger und für heute Nacht außerdem zu lang.

Seit bald 25 Jahren beschäftigt mich “der Blick in die Schlucht” – von oben ähnlich wie bei Verhaltensdiagnostikern und Ornithologen: Ist steil, ist tief, ist grün – und kommt überraschend. Ist vielleicht gefährlich?

Der Blick in die Schlucht beschreibt das Erleben des Jobumsteigers, der elastischen Schritts voller Tatendrang die gegenüberliegende verlockende Seite anpeilt, um plötzlich an der Kante zu verharren und in das steile Dunkel unter sich zu starren.

Als ich 1991 mit dem mutigen Entschluss voller Ziele und Pläne aus meiner bis dahin erfolgreichen Karriere aus- und umsteigen und die Selbständigkeit wagen wollte, hatte ich keine Ahnung, dass ich ca. 2-3 Monate später voller Selbstzweifel zu meiner damaligen Mitbewohnerin sagen würde: “B., glaubst du, ich schaffe das? Komme ich wohl jemals wieder auf die Füße?”

Die Antwort war so einfach wie ehrlich: “Ich habe keine Ahnung. Ich kann dir nicht helfen. Mich musst du nicht fragen.”

Weitere drei Monate später fing ich mit den abstrusesten Bewerbungen an. Heute könnte ich Vertriebschefin einer internationalen Modekette (gewesen) sein – und habe mich in der letzten Auswahlrunde und auch anderen Runden schließlich gegen diese und auch andere “Alternativen” entschieden. Sehr verlockend erschien mir kurzfristig ein Teilzeitjob beim Europäischen Patentamt in der Telefonzentrale in der wilden Fantasie, damit könne ich mir mein MBA Studium finanzieren und organisieren. Mein Glück, dass der Personalchef ziemlich genau hingeschaut und sich gegen dieses “Potenzial” und diesen überqualifizierten Glücksgriff entschieden hat.

Kurz darauf griff sehr zäh und sehr langsam, was sich schließlich als der richtige Weg für mich herausstellen sollte. Mein Weg.

“Der Blick in die Schlucht” steht vielleicht schon am Mittwoch online. Sie dürfen ihn mit mir teilen. Ich freue mich auf Ihr Feedback und Ihre Empfehlungen, wie die freiwilligen und unfreiwilligen Jobumsteiger am besten damit umgehen.

 

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