Journal_40 – Früh übt sich das Stehaufmännchen

StehaufmännchenMein Journal – 09. November 2015_40 – Früh übt sich das Stehaufmännchen

Michael Jordan versus Sokrates?

Große Namen und kluge Gedanken – eine wundervolle Kombination, die uns in Form von Sinnsprüchen und klugen Ratschlägen jeden Tag bereichern und inspirieren kann.

Impulssatz 38 des VÄJ: Dass Sie im Leben hinfallen werden, können Sie nicht verhindern. Aber ob Sie wieder aufstehen, ist eine Entscheidung, die Sie täglich treffen müssen.

Sokrates (469-399 v.Chr.) soll gesagt haben: Nicht das Hinfallen ist schlimm, sondern es ist schlimm, wenn man dort liegen bleibt, wo man hingefallen ist.

Von Michael Jordan hört sich dieser Satz 2500 Jahre später so an: Ich kann versagen akzeptieren, keiner ist perfekt. Was ich nicht akzeptieren kann ist, es nicht versucht zu haben.

 

Alle drei Aussagen laufen für mich darauf hinaus, sich Herausforderungen zu stellen und sie als Lernchance anzunehmen. Beim Reiten und beim Motorradfahren heißt es auch:

Fallen darfst du. Doch du musst auch wieder aufsteigen.

 

Wir holen uns aus Kalendersprüchen, Sinn- und Glaubenssätzen Energie, Kraft, manchmal Trost oder Bestätigung. Sie mögen uns auch schon einmal fokussieren, im Laufe eines Tages im Hinterkopf herumschwirren, in Entscheidungsmomenten mitschwingen.

Welche Kernsätze und Antreiber uns erreichen und unser Leben anreichern, hängt von unserer eigenen Geschichte ab. In ihr definieren wir, wie wir unsere Welt interpretieren, was uns stärkt und nährt,  was uns klein oder groß macht.

 

Ich darf Ihnen dazu meine Geschichte anbieten:

Beckum/Westfalen, an einem trüben, tristen Samstagmittag im Oktober 1963 warten zwei kleine Mädchen und ihre Mutter auf die Rückkehr des Vaters und Ehemanns, der seit langem von Sonntagabend bis Freitagabend oder auch erst Samstagmittag nach Rodenkirchen fährt, um dort bei einem Fleischgroßhändler zu arbeiten. Um die Vorfreude der beiden Mädchen an diesem Samstag einigermaßen zu bändigen, verspricht die Mutter, der Vater bringe Geschenke mit. Er hatte in der Vorwoche von Stehaufmännchen erzählt.

 

Es geht auf 12 Uhr zu, der Vater kommt nach Hause, er bringt eine Tasche Wäsche mit und ist offensichtlich von der Fahrt und der Woche sehr müde. Die beiden Kinder hängen ihm vor Begeisterung am Hals und fragen nach den Stehaufmännchen: “Papa, hast du uns was mitgebracht?” Er hat nichts mitgebracht. Keine Geschenke, keine Stehaufmännchen. Die stramme Woche hatte dafür keine Gelegenheit geboten. Und es ist offensichtlich, dass er sich sehr wohl über seine Töchter und ihre Anhänglichkeit freut, aber in Wirklichkeit nur Augen für die Mutter hat.

 

Die Eltern sehen sich in dieser Lebensphase nur für 1,5 Tage am Wochenende. Sie sind noch jung, 26 und 31 Jahre alt. Sie wollen ganz andere Dinge miteinander erleben, als sich um versprochene Stehaufmännchen zu kümmern.

Doch die Große gibt keine Ruhe: “Was ist ein Stehaufmännchen? Wie sieht das aus?” Die Antwort ist einfach: “Ein Stehaufmännchen sieht aus wie eine Puppe und kann niemals umfallen. Und wenn es umfällt, steht es immer von selbst wieder auf.” “Warum kann es nicht umfallen?” “Weil es ein Stehaufmännchen ist. Deshalb.”

 

Schließlich kommt der Vater auf die Idee, die beiden Kinder mit 5 Mark bewaffnet loszuschicken, das versprochene Spielzeug in der kleinen Kreisstadt zu ergattern. Wer von Ihnen erinnert sich an die Ladenöffnungszeiten in den 70er Jahren?

Städte und Dörfer fielen in der damaligen Zeit Samstagmittag ins Wochenendkoma. Um 12 oder spätestens 13 Uhr war absolut Schicht. Kein Lebensmittelgeschäft und kein Fachhändler hatte um diese Zeit geöffnet. Schaufenster waren unbeleuchtet. Die Geschäfte tot. Die Straßen leer.

Die beiden Mädchen ziehen also los, die große Schwester mit der kleineren an der Hand. 5 und 3 Jahre alt. Der Auftrag lautet: “Geht euch die Stehaufmännchen holen!” – so als ob diese bereits auf einer Ladentheke auf die beiden warteten.

Der Einwand der Mutter, die Geschäfte seien schon zu, wird weggewischt mit “Die werden schon was finden. Lass sie mal suchen gehen.”

 

Mit diesem Bild angereichert und auch mit dem Wissen, wo sich das prachtvolle Spielwarengeschäft mit den zwei verglasten Seiten befindet, machen sich die beiden auf den Weg. Das Spielwarengeschäft ist keine 5 Minuten von der elterlichen Wohnung entfernt. Und hat geschlossen. In dem unbeleuchteten Ladenlokal sind die roten Kinderfahrräder, die Brummkreisel, ewig viele Puppen, Steiff-Tiere und viele andere verlockende Dinge recht gut auszumachen. Stehaufmännchen sind nicht zu sehen. Die Fragen der kleinen Schwester beginnen: “Wie sieht denn ein Stehaufmännchen aus? Wo ist das Stehaufmännchen?”

Vom ersten geschlossenen Geschäft geht es über den Marktplatz zu einem weiteren. Auch geschlossen. Eigentlich ist alles geschlossen außer ein paar Kneipen und einem Kiosk. Den Mann im Kiosk fragen sie noch: “Haben Sie Stehaufmännchen?” Hat er natürlich nicht. In einem Kiosk gibt es keine Stehaufmännchen.

 

Der fortschreitende Samstagmittag wird immer driselliger und feuchter. Die kleine Schwester wird allmählich quengelig und fragt immer wieder: “Wo gibt es denn Stehaufmännchen? Was ist denn ein Stehaufmännchen? Wie sieht das aus?” Das weiß die Große alles nicht zu beantworten. Sie hat noch nie ein Stehaufmännchen gesehen. Sie entscheidet einfach: Wir suchen weiter. Aufgeben gibt es nicht. Mit leeren Händen zurückzukommen und zu hören, sich nicht wirklich angestrengt zu haben, kommt auf gar keinen Fall in Frage.

 

Die kleine Kreisstadt hat ein überschaubares Stadtzentrum. Selbst bei größter Sorgfalt ist die Stadt bald abgegrast, jedes Schaufenster in der damals noch einzigen Einkaufsstraße begutachtet auf der Suche nach Spielsachen, erhellten Fenstern und offenen Türen.

Erfolglos und enttäuscht machen sich die beiden nach der zähen Wanderung, die vermutlich höchstens eine Stunde dauert, schließlich auf den Weg zurück zu den Eltern. Ohne Stehaufmännchen, das 5-Mark-Stück noch ungenutzt.

 

Für die Eltern ist das Ergebnis der leeren Ausbeute dieser Mittagsbeschäftigung wenig überraschend. Der Vater lässt sich interessiert die Suche beschreiben und hinterfragt, ob sie auch wirklich gründlich waren. Der Mutter wechselt bald das Thema. Die ganze Geschichte ist binnen Minuten vergessen.

Am nächsten Freitagabend kommt der Vater wieder aus Rodenkirchen zurück und hat für die beiden Töchter zwei Stehaufmännchen: eines in rot und eines in hellblau.

 

Aufgeben gibt es nicht. Stehaufmännchen können nicht umfallen. Sie stehen immer von selbst wieder auf. So einfach ist das.

 

 

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