Journal_42 – Handelsblatt Change Congress 2015

Reiche Auswahl - volles Programm
Reiche Auswahl – volles Programm

Mein Journal – 26. November 2015_42 – Lost in Change?

Der 1. Change Congress des Handelsblatt war eine reiche Ausbeute.

Hohe Erwartungen und große Vorfreude auf unserer Seite wurden beim Düsseldorfer Change Congress erfüllt und belohnt!

Am 23./24. November veranstaltete das Handelsblatt zwei sehr kompakte, reiche Tage rund um die wichtigsten und vor allem aktuellsten Methoden, Erfahrungen und Praxisbeispiele im Themenbereich Veränderungsmanagement.

 

State of the Art chic verpackt

Buzzwords wie Agility, Scrum, Lean, Kanban lösten einander in rascher Folge ab und fanden durch die sehr unterschiedlichen Referenten auch immer wieder neue Inhalte, Interpretationen und Verbindungselemente. Bereits die ersten beiden Vorträge, später dann immer wieder viele Einzelbeiträge und schließlich auch die letzte Podiumsdiskussion am Ende des 2. Tages stellten das wichtigste Buzzword für mich logisch und für andere vielleicht überraschend ins Zentrum: Leadership. It’s all about leadership. Der Fels in der Brandung und der Hebel im Change haben die gleichen Koordinaten: Die Führungskraft ist der Schlüssel.

 

Nachhaltigkeit = alte Wahrheit ist neue Wahrheit

Das inzwischen etwas veraltete Modewort ‘Nachhaltigkeit’ kam nicht zu kurz. Wir dürfen Nachhaltigkeit daran fest machen, dass wir durchgängige Pfeiler im Change finden. Die Rolle der Führungskraft ist nicht erst seit dem Change Congress sehr starker Veränderung und tatsächlicher Neudefinition ausgesetzt. Wir beobachten schon lange, dass sich der Arbeitsmarkt mindestens so rasch ändert wie die globale Wirtschaft selbst. Junge und erfahrene Mitarbeiter haben das Bedürfnis, als Personen wahrgenommen, eingebunden, gefördert zu werden. Die hartnäckigste Komponente in der Veränderung ist also die Führung, gelebt durch die Führungskraft und oft neudeutsch abgerundet als Leadership. Wobei Leadership deutlich größer aufgespannt ist, als die konkrete Führung selbst. Dazu ein anderes Mal.

Nachhaltig zeigt sich Führung im Change Congress deshalb, weil sich Stile, Kommunikationsformen, die Rolle von Führungskräften, die Ansprüche von Zielgruppen und der durch sie eingesetzten Kommunikationsmedien kontinuierlich ändern mögen. Eines bleibt durchgängig gleich: Die Führungskraft soll führen. Mal weicher, mal freundlicher, immer wertschätzend. Mal verbindlich oder aber entwickelnd – auch gern beides gleichzeitig. Führung verändert sich. Doch sie bleibt Führung, selbst wenn sie wie bei Dr. Hans-Jürgen Erbeldinger von Partake auf den Kopf gestellt und die Organisation durch die Mitarbeiter geführt wird.

 

Eine lauter werdende Begriffskombination ist die demokratisierte Organisation. Auch hier bleibt Führung allerdings Führung.

Der Stil mag variieren und sich auf den ersten Blick bis zur Unkenntlichkeit entwicklen. Doch Führung bleibt eine sehr persönliche, zwischenmenschliche Leistung, die von der Führungskraft auszugehen hat. Das gilt selbst dann, wenn die Mitarbeiter führen.

 

Lost in Change?

Das Handelsblatt hat mit seinem ersten Change Congress voll ins Schwarze getroffen. Laut Aussage des Geschäftsführers Bertling war die Veranstaltung direkt nach ihrer Ankündigung ausgebucht und musste aufgrund der unerwartet großen Resonanz um viele Besucher erweitert werden.

Das passt zu meinem persönlichen Eindruck. Kaum lag uns die erste Information vor, hatte ich bereits die Anmeldung für meinen Geschäftspartner und mich vorgenommen. Zwei Tage Change kompakt erschienen uns einfach zu verlockend. Wir haben systemische OE-Ausbildungen mit Schwerpunkt Change. Wir begleiten unterschiedliche Unternehmen durch ihren Veränderungsprozess. Doch die Vorankündigung versprach neue Impulse, Lernen und vor allem Austausch mit Gleichgesinnten und Anwendern.

 

1. Change Congress in den Kinderschuhen

Die Veranstaltung war insgesamt recht ordentlich organisiert. Der Veranstaltungsort ließ allerdings zu wünschen übrig. Hier war deutlich zu spüren, dass die Kapazitäten anders geplant waren. Wenn 40 Personen für eine Tasse Kaffee anstehen müssen und es zu wenige WC-Anlagen gibt, Türen zu schmal sind, um einen Raum mit mehreren Hundert Menschen rasch zu leeren oder zu füllen, dann leidet die Qualität.

Auch die Sprecher waren unterschiedlich gut vorbereitet. Slides mit sehr lauten Tippfehlern, die bereits in der ersten Zeile mit Schwung von der Leinwand springen und im Auge des Betrachters landen, tun einfach weh. Auch der wilde Mix an Change-relevanten Themen hat mich Energie gekostet. Gut war die Aufteilung in jeweils 3 parallel laufende Workshops, so dass sich die Besucher ihre Themen gut einteilen konnten. Gar nicht gut fand ich dann allerdings, dass bis auf eine Ausnahme keiner der Workshops wirklich ein Workshop war. Die Zuhörer waren der frontalen Bedröhnung ausgesetzt. Diese war teils sehr gut inszeniert und hat den ganzen Saal begeistert, dennoch blieb sie frontal.

Weniger charmant fand ich persönlich den Moderator selbst. Wenn uns von den Vortragenden wiederholt ans Herz gelegt wird, im Change sind Wertungen obsolet und schädlich, wurde in den Zwischentexten so stark gewertet, dass ich mich manches Mal fremdgeschämt habe. Hier in meinem Text finden Sie auch Wertungen. Das ist allerdings auch die Absicht meines Beitrags. Ich war zwei Tage in Ansätzen abgelenkt vom Moderator immer wieder in der Frage: Wie legte ich diese Rolle an?

 

Lost in Change steht für mich unter anderem dafür, dass meine Erwartungen sehr viel enger, akademischer, theoretischer waren, als sie schließlich erfüllt wurden. Das Congress-Angebot bot mehr und weniger zugleich.

Was habe ich erwartet? Ich wollte etwas über Praxis(miss)erfolge hören. Mich interessierten Interventionsarchitekturen, wirksame Veränderungsmaßnahmen, neue Arbeitsansätze, die Differenzierung zwischen KMU und Konzern und vor allem jede Menge Praxisbeispiele. Bekommen habe ich etwas völlig anderes – teils deutlich mehr als erwartet.

 

Schöne Überraschungen
Schöne Überraschungen

Wer hat mich am meisten berührt?

Christine Wank hat mich mit ihrer Zusammenfassung der Theory U schlichtweg erreicht. Sie drückt die richtigen Knöpfe und strahlt glaubwürdige Leidenschaft für ihr Thema aus. Ihre Arbeit mit Otto Scharmer am MIT zeigt, welche sehr persönlichen Entwicklungsoptionen wir als Führungskräfte oder einfach nur Betroffene in einer Veränderungssituation haben. ‘Presencing’ ist gerade im Change ein Schlüssel zur richtigen Lösung und wirksamen Verbindung der eigenen Person mit dem antizipierten Idealzustand der Organisation.

 

Wobei festzustellen ist: Im Change gibt es keinen Idealzustand. Diese Message wurde während des gesamten Kongresses wiederholt bestätigt: Der Change ist KEIN Projekt und er hat kein natürliches Ende.

 

Der von Frau Wank präsentierte Clip aus dem Spielfilm Die Geschichte von Bagger Vance, als Bagger Vance (Will Smith) den jungen, talentierten, aber vom Krieg verstörten Rannulph Junuh (Matt Damon) im entscheidenden Golfmatch zurück in seine Kraft führt, hat bei mir Gänsehaut ausgelöst.

Die gezeigte Filmsequenz war vielleicht 3 Minuten lang. Auch habe ich sie mindestens 15-20 Mal in den letzten 10 Jahren gesehen. Sie anzuschauen und gleichzeitig den Kontext Presencing wieder zu erfassen, hat in mir eine drängende Kraft aktiviert. Eines meiner persönlichen take-aways des Kongresses ist definitiv die Reaktivierung der Theory U, die mich schon lange passiv beschäftigt.

 

Mein 2. persönliches take-away habe ich von Dr. Hans-Jürgen Erbeldinger mitgenommen. Seine Begeisterungsfähigkeit hat laute Begehrlichkeiten in mir für unsere eigene Firma geweckt. Wie es in seinem Unternehmen Partake im Alltag aussieht, lass ich mir gern noch vorführen. Das Konzept der umgekehrten Organisation, die auf demokratischer Basis geführt wird, in der Projektbeitragende mit ihrem Projekt in einen internen Pitch müssen, um ihre Mitarbeiter als Partner zu werben, hatte überzeugenden Charme. Zumindest für mich. Viele Einzelelemente seines Vortrags laden zur Verbesserung in unserem eigenen Unternehmen ein. Wie also meine Kollegen und Mitarbeiter auf diesen Ansatz reagieren werden, muss ich noch herausfinden. Der nächste inhaltliche Abgleich mit meinem Team bietet sich am kommenden Freitag. Das ist die sogenannte Feuerprobe: Ich will sie einbinden und emotional mitnehmen.

 

Was bleibt?

Die zwei dem Change gewidmeten Tage waren kostspielig. Der trotz Frühbucherbonus hohe Teilnahmepreis von ca. 2.250€ für uns zwei Geschäftsführer war bereits hoch. Zusätzlich haben wir gerade die heißeste Phase des Jahres. Sich für 2×2 Tage (2 Personen) aus dem Alltag auszuklinken, ist für uns demnach fast fahrlässig.

Dennoch zeigt sich sowohl in meiner etwas rudimentären und vor allem persönlichen Nachbetrachtung, dass diese Zeit lohnenswert investiert ist. Ich bin froh, teilgenommen zu haben. Viele sehr unterschiedliche Menschen haben mich von der Bühne aus, vor allem auch in den Sesselreihen und in den Pausengesprächen emotional und inhaltlich bereichert.

 

Der Change Congress hat sich absolut gelohnt.

  1. Wir haben interessante Sparringpartner kennengelernt.
  2. Wir konnten selbst sehr viel neues, teils erfolgreiches Chance-Verhalten erkennen und uns in unserer eigenen Arbeit voll bestätigt fühlen.
  3. Artverwandte Themen boten sich als Erweiterung der eigenen Haltung, als Technikalternativen und als Angebote für die eigene Arbeitswelt – auch direkt im eigenen Haus – an.
  4. Der Kongress diente selbstverständlich ebenso dazu, die eigene Kompetenz zu leveln. Wo stehen wir im Vergleich zum Benchmark? Welche Strömungen sollten zusätzlich berücksichtigt werden? Wo finden sich kompetente Partner zum Austausch und zur Kooperation?
  5. Die Bestätigung tut gut. Wir können unseren Job. Die Bereicherung durch neue Impulse lockt nachhaltig, sich weiter zu entwickeln, für unsere Kunden anzustrengen und sie zum eigenen Mut herauszufordern.

 

Zwei reiche Tage Change Congress – für mich eine gute, anregende Investition.

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