Journal_43 – I can say that I’ve tried

Journal_innen3_0908Mein Journal – 13. Dezember 2015_43 – At least I can say, that I’ve tried

Ich habe es wenigstens versucht – aber reicht das?

Kennen Sie die Nachrichten auf dem Anrufbeantworter, auf Ihrer Mobilbox, die SMS, die 5 Minuten vorher auftaucht, bevor es zu spät ist? Die Last-Minute-Absage oder wenn Sie versetzt werden?

Sie sagen alle dasselbe: Ich habe es wenigstens versucht… Vielleicht war es mir nicht ganz ernst mit meinem Versuch. Welch ein Glück, dass ich dich gerade verpasst habe, dich nicht mehr selbst sprechen, mich entschuldigen, dich anlügen oder mich selbst verleugnen musste. Der Beleg meines Versuches ist wenigstens auf deinem Speichermedium manifestiert. Du kannst hinterher nicht behaupten, ich hätte es nicht wenigstens versucht.

 

Gibt es ein deutlicheres Armutszeugnis?

Mit Sicherheit. Was ist das schon, ein missglückter Versuch? Wie banal ist eine späte Absage, eine Entschuldigung fürs nicht Erscheinen und eine letzter Klärungsversuch, wenn etwas in Schieflage geraten ist?

Sie mögen sich über meine harte Aussage zum Armutszeugnis wundern. Denken Sie vielleicht, “wer weiß, was dem Anrufer, der Freundin, dem Sender der kurzfristigen Absage widerfahren ist, dass er oder sie so vorgehen musste…”?

Tja. Vermutlich haben Sie recht. Was fällt mir ein, dass ich so entschieden urteile?

Was mir wirklich dazu einfällt: Es “wenigstens” versucht zu haben, ist mir nicht genug. Das schmeckt selbst dann noch schal, wenn ich selbst die unglückselige Versucherin bin. Sich mit einer halbherzigen Geste zufrieden zu geben, reicht mir nicht mehr aus. Wie oft habe ich schon jemanden zurückgerufen, den ich verpasst hatte, aber eigentlich gar nicht wirklich sprechen wollte? Dann war ich froh, umgekehrt auch wieder ins Leere zu laufen. Schließlich hatte ich es wenigstens versucht.

 

Lassen Sie uns noch eine weitere Facette des Versuchs erforschen:

Adele besingt es sehr schön in “Hello”: At least I can say I’ve tried – “Zumindest kann ich sagen, ich habe es versucht.” Ob die besungene Beziehung in Schieflage ist oder nicht: Das sieht nicht nach Augenhöhe aus. Im Gegenteil: Der eigene Selbstwert rutscht gen Tal und wird nur künstlich auf dem Hang noch durch die Rechtfertigung aufgehalten. Ich, die Versuchende, darf behaupten, ich hätte mehr geleistet, als mein Dialog- und Konfliktpartner.

 

At least I can say

Wenn ich oben noch mit dem mickrigen Versuch als solches kämpfe und ihn heute nicht mehr für meiner würdig halte, zerren in der verschärften 2. Version mit “at least I can say”  auch meine scheinbare Rechtschaffenheit und Rechthaberei an meiner Integrität.

Schauen Sie sich Adeles Video an: Hier fällt die Diskrepanz zwischen geleistetem Einsatz und verkündeter Absicht in Relation zur Notwendigkeit auf. Wir sehen Adele in der Rolle einer Frau, die sich mit dem schwachen Ansatz, es wenigstens versucht zu haben, bei ihrem Ex-Partner für ihr Verhalten entschuldigen will. Die in Bildern und Sequenzen erzählte Geschichte setzt die Sängerin ins Unrecht. Vielleicht will sie die Zeit zurückdrehen oder mit diesem Kontaktversuch ihr Verhalten reumütig wieder aufwiegen. Es bleibt ein telefonischer Versuch.

 

Unterschiedliche Qualitäten eines schwachen Versuchs?

Behaupten zu können, wir haben es wenigstens versucht, mag uns situativ entlasten. Doch wenn ich in mich hineinhorche und meiner eigenen Geschichte folge, steigen in mir eine allzu vertraute Bockigkeit und der altbekannte Trotz aus Kindertagen auf. Ich kann in irgendeiner Form belegen, dass ich eine Lösung, eine Wiedergutmachung, eine Heilung versucht habe. Doch wirklich gewollt habe ich sie nicht. Denn dann wäre es nicht bei dem Versuch geblieben. Dann wäre es nämlich unwichtig, ob ich mich anschließend auf diesen Versuch berufen kann.

Erst die Unterscheidung zwischen der wirklichen Wiedergutmachung, der erfolgreichen Klärung und der gelungenen Versöhnung im Vergleich zur versuchten Auflösung entspricht der Kraft und unserer Freiheit, die selbstbestimmten Menschen zu eigen sind. Wer wirklich aufräumen will, beruft sich nicht auf einen Versuch.

 

Energieverlust durch Versuche ≠ Energiegewinn durch Taten

In meinem Alltag finde ich viele Einladungen, Lösungen oder Veränderungen nur zu versuchen. Damit kann ich mich viele Jahre beschäftigen. Entspannt weise ich jedem Frager, Kritiker, Freund, Partner oder Verwandten auf, wie emsig ich mich mit meinem Versagen und meinen ausbleibenden Erfolgen aufgehalten habe.

Am Ende finde ich viele Belege dafür, was ich versucht habe. Von Rauchern wissen wir, mit jedem Versuch und nachfolgendem Rückfall werden weitere Rückfälle selbstverständlicher. Sie haben es halt (nur) versucht.

Partnersuche, Jobsuche, Glückssuche – sie alle gelingen nur, wenn wir die Suche nicht mit einem Versuch verbinden, sondern uns wirklich auf den Weg machen – komme, was da wolle.

 

Nobody is perfect

Selbstverständlich muss auch ich mich immer wieder selbst ermahnen, keine Versuche zu starten, sondern meine Anliegen wirklich direkt anzugehen und durchzuziehen. Sehr früh habe ich gelernt, dass mich jeder Erfolg stärker macht, meinen Mut erneuert und mein Durchhaltevermögen steigert. Zähigkeit gehört trainiert. Die guten Erfahrungen der gelungenen Veränderungen erleichtern das rechtzeitige Erinnern und den direkten Zugriff auf die Tat.

Sollte ich mich in der nächsten Zeit wieder einmal bei Versuchen erwischen, werde ich sie hier teilen. Bis dahin schaffe ich erst einmal in aller Ruhe ein paar Fakten.

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