Oktober 2015: Die Grille und die Ameise

Immer tüchtig!
Immer tüchtig!

Die Grille und die Ameise

Wird es jetzt Zeit, sich für den Winter zu rüsten, oder können wir noch in aller Ruhe einen goldenen Oktober genießen?

 

Was, wenn ich beides will: Den Reichtum und die Vielseitigkeit des weichenden Sommers und die Sicherheit und den Schutz für den nahenden Winter?

 

Wer von Ihnen kennt die Fabel von  Jean de La Fontaine “Die Grille und die Ameise”?

Die Ameise mag das für den Winter besser gewappnete, resistentere, erfolgreichere Tierchen sein, wenn wir das Konzept der Vorsorge und des Überlebens verfolgen. Sie mag sich in der Fabel an der Grille reiben, sie für verschwenderisch und zu sorglos halten.

Für andere ist die Fabel-Grille in ihrer Spielfreude, Leichtlebigkeit und Sorglosigkeit keine Provokation, sondern eine Bereicherung. Sie unterhält uns, sie freut uns und – das wage ich hier zu behaupten – mit dieser Freude nährt sie uns.

Gerne glaube ich, dass Ameisen keinen Nährwert darin sehen, Grillen beim Tanz zuzusehen, wenn sie in ihrer eigenen Emsigkeit nicht rechts und nicht links schauen.

Jean de La Fontaine hat seine Fabel gesellschaftskritisch geschrieben. Ich bin an ihr vor weit über 30 Jahren in einer Germanistik-Klausur kläglich gescheitert, weil mich die physische Recherche der zeitgenössischen französischen Kultur, der dazugehörigen Literatur und die Lebensumstände des Autors nicht so stark motivierten, dass ich ihren Spuren weiter folgen wollte.

Das Bild von der Grille und der Ameise hat mich allerdings erreicht. Immer wieder hinterfrage ich, wem ähnle ich denn am meisten?

 

Der goldene Oktober mit seinem Farbenreichtum ist in meiner Beruflichkeit die arbeitsintensivste Jahreszeit. Umso wichtiger ist es, durch den Blick nach rechts und nach links die strategische Ausrichtung zu überprüfen und den Weg und das Ziel immer wieder aufeinander abzugleichen.

 

Die Gestaltung des Weges ist ein Ziel

Wir sind selbst in der Verantwortung, wie wir das eine – das Ziel – definieren und das andere – den Weg – dorthin anlegen. Wenn es uns gelingt, ein gutes Maß in beidem zu finden, ohne uns deshalb im Anspruch zu beschränken, ist das bereits ein Erfolg. Mir kommt der Verdacht, dieser Erfolg ist nicht ein einfach erreichter Zustand, sondern vielmehr ein beständiges Streben.

Viel Erfolg in Ihrem Streben. Es möge reich im Ertrag und bunt gestaltet im Prozess und damit in vielen Facetten belohnt sein.

 

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9 thoughts

  1. Liebe Petra,

    das ist eine interessante Frage. Kann man auch Beides sein? Ich halte mich im größten Teil des Jahres nicht für einen sehr ordentlich vorausschauenden Menschen, ich horte nicht und lege keine Vorräte an. Das Wort “emsig” liegt mir überhaupt nicht. Aber genau in dieser Jahreszeit entwickle ich dieses fürsorgliche Extra-Gen, habe ich seit Jahrzehnten das Bedürfnis vor dem Winter das Haus zu bestellen, für Schutz und Wärme zu sorgen. Es ist ein Bedürfnis, das nur wenige Wochen anhält und das ich deshalb wohl so mag. Wenn der Herbst dann richtig angefangen hat, richte ich mich gemütlich ein und bin ich schon wieder eher bei Laissez Faire, kann also durchaus weiter sorglos genießen.

    Einen goldenen Oktober wünsche ich uns.
    Hildegard

    1. Liebe Hildegard, ein sehr schönes Bild – und es lässt beides gut stehen, die Sorglosigkeit und die Fürsorge. Dankeschön für den goldenen Oktober!
      Petra

  2. Sich als Grille oder Ameise anzusehen ist schon gut und sogar wünschenswert. Aber ist es überhaupt zu diesen Zeiten noch möglich ein Weg zu einem Ziel zu gestalten? Für mich ist es fraglich. Meiner Meinung nach, ist heute wegen der sehr ändernden Bedingungen nur eine Richtung möglich, aber kein definierter oder unbeweglicher Weg wie früher. Wege zu einem Ziel sehen heute meistens so aus 😉 : https://www.youtube.com/watch?v=jEZ7AYkmmRY

    1. Lieber Pablo,
      Danke! Feines Youtube-Video.
      Zum Weg: Ich für meinen Teil will dennoch die Verantwortung dafür übernehmen, dass er mich 1. ans Ziel bringt und mich 2. unterwegs inspiriert (siehe youtube). Nur dann kann ich genügend Esprit für gute Lösungen und Energie zum Durchhalten aufbauen. Aber: Wenn ich hier “…nur dann kann ich…” schreibe, spreche ich wirklich nur von mir.

  3. Liebe Frau Schulte,
    für mich als Französin, die unzählige Fabeln von Jean de La Fontaine in der Schule lernen und analysieren durfte, gibt es in “Die Grille und die Ameise” (La cigale et la fourmi) noch eine weitere Dimension. Die Grille denkt nicht an den Winter, sondern amüsiert sich. Viele Menschen denken nicht an “später”, wenn sie einmal nicht mehr erwerbstätig sein können oder aber in Rente gehen. Der monatliche Verdienst wird komplett ausgegeben, man fährt in Urlaub, erwirbt Konsumgüter … und vergisst die Vorsorge. Wozu auch, sagen viele, wenn man sie darauf aufmerksam macht, es gibt doch den Staat. Ja, das ist sehr kurzsichtig gedacht, denn von den fleißigen Ameisen wird dann erwartet, dass sie allen Grillen unter die Arme greifen.
    Nein, ich ärgere mich nicht darüber, ich stelle die Situation lediglich fest und bin gerne bereit zu helfen – auch den singenden Grillen. 🙂
    Liebe Grüße
    Giselle Chaumien

  4. Ich freue mich über Ihre Kommentare und lerne aus jeder Perspektive wieder neu zu schätzen, was diese an sich traurige und mahnende Fabel an Vielseitigkeit und Reflexion bietet. Wenn uns in Talk Shows und Radiosendungen Erfolgsmenschen vorgestellt werden, sind diese fast immer so gewählt, dass sie selbst bei äußerster Buntheit und Farbenpracht den Fleiß, die Tüchtigkeit, das Streben um ihre Expertise und Meisterschaft mitbringen.
    Amillen und Grillmeisen wird es keine geben.
    Doch je nach Distanz (Helikopter/Metaebene) sprechen wir nicht mehr von Ameise oder Grille sondern von Insekten, Tieren, Fauna, Lebewesen.
    Tanzen und singen wie auch emsig schaffen und vorsorgen: Ich darf für mich heute feststellen, beides sind nützliche Tugenden.

    1. Amillen und Grillmeisen, liebe Frau Schulte, wären ideal. Aber … doch, ich glaube, es gibt sie durchaus. Man erkennt sie vielleicht nicht auf den ersten Blick, weil ein jeder – das gilt auch für mich – ja nur durch die eigene Brille, mit dem eigenen Blickwinkel die Situation betrachtet, auch wenn er/sie sich noch so sehr um Objektivität bemüht. Da gibt es zum Beispiel die 80/20-Amille, die 80 % arbeitet und 20 % singt, oder die 40/60-Grillmeise, die 40 % arbeitet und 60 % singt. Letzten Endes ist jeder Mensch gestrickt, wie er gestrickt ist – so sah es meine deutsche Oma, die meinte, man könne sich zwar bemühen, aber sein innerstes Wesen grundsätzlich ändern, das könne man nicht. So ist das Wesen der Grille zu singen und das der Ameise zu arbeiten. Beides hat einen Sinn. Und zusammen betrachtet, ergänzen sie einander. Der Punkt ist: Wenn die Zeit gekommen, in der die Grille Unterstützung braucht, dann sollten, ja, ich wage zu sagen, müssen die Ameisen da sein und Hilfestellung leisten. Denn wir alle wollen die Welt bunt und fröhlich sein, also gehören auch Grillen dazu.
      La Fontaine beschreibt in seiner Fabel “Die Grille und die Ameise” eine Ameise, die der Grille die Hilfe verweigert. Ich glaube aber, dass es ganz viele Ameisen gibt, die bereit sind, den Grillen unter die Arme zu greifen, und die das auch tun. Tag für Tag. Und das ist schön. 🙂

      1. Liebe Frau Chaumien,
        Danke! Das haben Sie sehr schön gesagt. Ja. Es gibt sehr viele Ameisen, die die Grillen auffangen und ihnen Gutes tun. Das weiß ich sicher, denn ich selbst bin einer der hart arbeitenden Menschen: Nie zuviel, nie zu lang. Umso wichtiger war es mir, auch den Sinn der Grillen, ihren ganz anderen Beitrag und damit auch ihre Wichtigkeit für das Gesamtbild für mich selbst sichtbar zu machen.
        Danke für die schöne Darstellung Ihrer Sichtweise.
        Petra Schulte

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