Something to Remember

Selbstgestaltete Landkarten
Selbstgestaltete Landkarten
Something to Remember – beschreibt das die großen Events im Leben? Was ist das für einen jeden von uns?

Der erste Kuss in einer frischen Liebe? Das Abitur- oder Maturajahr? Die Geburt des 1. Enkels oder der eigene runde Geburtstag?

Jeder hat seine persönliche Sammlung der großen „Something to Remember“.

 

Große Koordinaten setzen deutliche Marker

Die Jahrtausendwende gehört für jeden dazu, der damals schon bis 5 zählen konnte. Ein Bild von dem Davor und dem Danach entsteht: Währungswechsel, Euro-Einführung, die Panikmache der Computerindustrie, wie denn IT-World auf die Zahl 2000+ reagieren möge. Große Silvesterpartys mit irrsinniger Ballerei.

Viele Menschen nutzen zeitliche Marker, um sich in der eigenen Biographie zu orientieren. Sie können ihre Freundschaften mit wörtlichen Zitaten, konkreten Ortsangaben eines Dialoges, der vom Gesprächspartner getragenen Kleidung und Intensität des Lichtes, der eigenen Stimmung und vieler anderer Sinneswahrnehmungen bis ins Detail wiedergeben. Selbst wenn das Gegenüber angesichts dieses „total recall“ stutzt und der Spur in Gedanken folgt, ist seine tatsächliche Erinnerungsfähigkeit subjektiv anders aufgebaut.

Ich weiß auf den Tag genau, wann ich nach Österreich gegangen bin und wann ich mein Management-Leben an den Nagel gehängt habe. Da gibt es so viel, das sich um das Davor und um das Danach rankt.

 

Von außen angebotene Strukturhilfen

Die großen Events, die großen Anlässe merken wir uns leicht.

Das Jahr hat durch seine Jahreszeitenwechsel Frühling, Sommer, Herbst und Winter freundlicherweise eine reizvolle Viertelstruktur. Als weiteren Anreiz werden uns die hohen Feiertage geboten: Vorweihnachtszeit, Karneval, Osterzeit, Urlaubszeit.

Schön und geschickt, wenn wir unsere Urlaube jährlich unterschiedlich gestalten, denn damit gewinnen wir weitere Koordinaten: Das Jahr mit dem schwedischen Sommer und den handtellergroßen Mückenstichen, der Sommer in Irland, die Motorrad-Tour durch die Bretagne. Diese und ähnliche Akzente helfen uns, sowohl Zeit als auch Orte zuzuordnen und unsere Erinnerungen zu strukturieren.

Something to Remember ist unser ganz persönliches, heimliches oder auch öffentliches Koordinatensystem.

 

Wir haben es selbst in der Hand

Dieses Koordinatensystem haben wir weitgehend selbst in der Hand. Wir vermurksen es bei Bedarf und stampfen es zu Einheitsbrei, indem wir jede Fremdheit, jeden Rhythmusbruch unterdrücken oder vermeiden. Jeder Freitagabend in der gleichen Kneipe mit dem gleichen Lieblingsgericht schafft eine wunderbare Freitagsroutine und Geborgenheit. Und beides, die Routine und die Geborgenheit bügeln gemeinschaftlich die am Freitag aufgehängte Woche platt in den Kalender.

Das gelingt ohne großen Aufwand: Wenn ich jedes Jahr zur selben Zeit den selben Ort besuche, gibt mir das gerne viel Wohlbehagen, Entspannung, Sicherheit und Heimat. Es nimmt mir allerdings auch die gröberen Koordinatenwerte. Zur genaueren Erinnerung brauche ich die feinstofflicheren Informationen: Wen habe ich getroffen, wie lang waren damals meine Haare, was habe ich kurz vorher erlebt, welche Sorgen, Ängste, Freuden trug ich mit mir herum? Schon 1996 oder doch erst 1998? Vor der Ehe, während der Ehe oder erst nach der Ehe? War die gebackene Freitagsleber in meiner Freitagskneipe in den Jahren vor der Jahrtausendwende besser als danach?

 

Wie ich meine Landkarte selbst gestalte

Seit ich für mich weiß, wie stark sich auch die kleinen Begebenheiten und Begegnungen auf mein feinmaschigeres Koordinatennetz auswirken, gehe ich um einiges leichter zu Abendveranstaltungen und Wochenendverabredungen. Aufgrund meiner intensiven Reisetätigkeit sind meine Wochenenden eine jährliche, gut gehütete Herde von 52 heiligen Kühen: Don’t touch.

Doch mein Wissen, ein Grillabend mit einem lieben Freund beinhaltet zusätzlich zur wunderbaren Gesellschaft und dem gemeinsam gestalteten Programm zwei weitere einzigartige Dimensionen für mich, nämlich ein Vorher und ein Nachher, lockt mich leichter aus meiner dringend benötigten und hart verteidigten Wochenendisolation und verhindert Verschiebungen und Vertröstungen. Im Gegenteil: Ich übernehme die Steuerung auch gerne einmal selbst oder lasse zu, das andere mich mitreißen.

Ich mag halbberufliche Abendveranstaltungen nicht sehr schätzen und mir auch immer wieder selbst versprechen, dass sie geschäftlich nicht viel Sinn ergeben. Doch sie bieten Ankerpunkte für meinen inneren Kalender. Wenn ich dann ehrlich mit mir bin, sind die „geopferten“ Wochenenden und Abende nur in der Antizipation wirkliche Opfer. Im Augenblick ihres Erlebens und in der Retrospektive schenken sie mir fast immer ein qualitatives Mehr, etwas Einzigartiges, das sich aus der Routine der Woche heraushebt und ihr damit Struktur verleiht.

 

Meine Biographie als Stadtplan zur persönliche Orientierung 

Durchgeführt und später zugeordnet sind sie Streckenbeschreibungen meiner Biographie, teils kleinteilig, für andere völlig irrelevant. Für mich malen sie Straßenschilder, Abzweigungen, Kreuzungen, Gartenlandschaften und Parkplätze auf meine Landkarte. Sie erlauben ein wunderbares Mapping.

So freue ich mich noch heute über meinen letzten ersten Kuss, weiß das Datum, den Ort und sogar die Uhrzeit. Genauso gehe ich immer wieder bewusst in neue Situationen, weil sie einen Unterschied zu dem Vorher und dem Nachher erlauben. Sei es, weil sie wie der Grillabend mit dem lieben Freund in sich die Unterschiedsbildung tragen, oder sei es, dass sie mir beim Markieren und Gestalten meiner inneren Landkarte helfen.

Bryan Adams: „Let’s make a Night to Remember“

Download PDF

2 thoughts

  1. So habe ich das bisher noch nie betrachtet, stimmt aber total, danke für diesen neuen Blickwinkel! Und danke auch für so schöne Vokabeln wie “halbberufliche Abendveranstaltung” und “letzter erster Kuss”.

    1. 😉 – Wir spielen unterschiedliche Instrumente. Doch wir haben vermutlich manchmal ähnliche grenzüberschreitende Situationen – die Grenze zwischen Job und Privatleben.

Comments are closed.