Starke Bilder beflügeln die Seele

Bilder und Märchen berühren die Seele
Bilder und Märchen berühren die Seele

Storytelling, Metaphern und Analogien – unsere Bildsprache ist reich und kraftvoll.

Starke Bilder schenken uns farbenfrohe Geschichten. Sie lösen in uns Emotionen aus, ankern tief in unserem Gedächtnis und können uns mitunter mehr Kraft geben, als ein klar formuliertes Ziel.

Ob wir rhetorisch stark sind oder uns für gute Zuhörer halten: Jeder Mensch hat die magische Kraft eines guten Beispiels, eines schönen Bildes oder einer geheimnisvollen, in Bann ziehenden Geschichte bereits an sich selbst beobachtet.

 

Bildwelten entwickeln

Kindern lesen wir Märchen vor. Stundenlang habe wir als Kinder zu den Füßen unserer Mutter gesessen, wenn sie uns unsere Lieblingsmärchen vorgelesen hat. Ich konnte längst lesen und habe trotzdem der malerisch-gestaltenden Stimme gelauscht, die mich in Fernwälder entführte und über das Märchen hinaus fantastische Abenteuer auf der Suche nach Lösungen und Antworten erleben ließ. Kinder lieben Märchen.

Erwachsene lieben Liebesgeschichten, Romane und auch Sachbücher voller Fallbeispiele. Sie träumen ihnen nach, beenden offene Geschichten in Tagträumen selbst. Ob als Film wie “Das Haus am See” oder “Ghost – Nachricht von Sam” oder in Büchern wie “Gut gegen Nordwind” – wir wünschen uns Perspektiven und Hoffnung. Erwachsene lieben happy endings.

Es wäre viel zu profan, nun zu behaupten: Erwachsene lieben happy endings, weil die Welt so schlecht ist. Erwachsene lieben happy endings, weil sie aus ihnen Reflexionen für ihre eigenen Antworten entwickeln. Sie lieben die verführerische Auszeit, die sie in ein Versprechen und in die Geborgenheit der Heilung und der Ruhe mitnimmt.

Märchen und Fabeln sind schönen Geschichten, die uns in ihren Bann schlagen, mitreißen und uns vom Albtraum bis zum Tagtraum große innere Abenteuer ermöglichen.

 

Das Jahrtausend der Geschichten

Werbung gefiel uns in den 80er und 90er Jahren dann besonders, wenn sie uns mit kleinen Episoden und Liebesgeschichten unterhielt. Gebannt schauten wir Kaffee-, Schokoladen-, Versicherungstrailern zu, die uns vordergründig gleichgültig waren, uns aber emotional positiv stimmten.

Storytelling erlebt seit gut 20 Jahren eine lebhafte Renaissance in Europa. Wir lernen in Seminaren, unsere Theorien und Lerninhalte in lebhafte Geschichten einzubetten. Wir wollen unsere Zuhörer erreichen, sie begeistern, unsere Inhalte leicht verdaulich und nachhaltig ankern. Wir wollen einen positiven Unterschied hinterlassen. Menschen zu emotionalisieren und in ihnen tiefgreifende Reflexionsprozesse auszulösen, war schon immer das Geheimnis eines jeden Gurus, Märchenerzählers und auch das unserer Lehrer.

Wir sprechen in Rätseln und Geschichten. Wir geben unseren Ideen eine bildhafte Form und benutzen Metaphern, um unsere Aussagen plakativ zu untermalen. Oft genug schreibe ich für einen größeren Workshop eine neue Geschichte, die nah genug an der Realität meiner Klienten und doch weit genug von ihr entfernt ist, um ihre spielerischen Energien und ihre Schaffenskraft zu aktivieren. Will ich ihnen Freiraum und Leichtigkeit ermöglichen, stelle ich ihnen am besten einen analogen, weiten und dennoch thematisch gerahmten geistigen Raum zur Verfügung.

 

Am Schluß ein starker Spruch

Einige meiner Gesprächspartner runden ihre wichtigsten Aussagen mit einem Sinnspruch ab, der mal aus der Sportwelt bedient und mal von Konfuzius und anderen Weisen entliehen wird.

Jedes Bild, jede Metapher beschreibt die mentale Welt ihres Meisters. Lehne ich mich an Sinnsprüche großer Philosophen an oder bediene ich mich eines Bildes der Automobilindustrie: Meine Zuhörer können mich leicht einordnen.

“Der Ball ist rund” ist mehr als ein Zitat von Sepp Herberger. Diese Aussage ist ein breit interpretiertes Synonym für Statements, die Selbstverständlichkeiten mit einer kraftvollen Aussage verknüpfen. Damit können wir punkten. Wer viele dieser Statements parat hat, zeichnet sich durch Schlagfertigkeit und Witz aus. Gleichzeitig bleibt den Zuhörern wenig mehr, als zuzustimmen. Das Bild als Schlusspunkt. Eine in ihrer Banalität und Klarheit nicht weiter zu diskutierende oder zu widerlegende Aussage.

 

Starke Bilder beflügeln die Seele oder machen sie klein und ängstlich

Wenn starke Bilder nicht nur emotional binden, sondern uns auch mit ihrer bildhaften Kraft, ihrer Aussage bedrohen, dreht sich die schöne Kunst der malerischen Sprache gegen uns.

Als junge, noch recht unerfahrene Trainerin habe ich morgens in einem Assessment Center in der Einführungsrunde freundlich versprochen: “Niemand von Ihnen wird hier geköpft!” Diese grobe Aussage, die mir als Sprecherin in ihrer Bildhaftigkeit kein bisschen gewahr war, hat nicht nur innere Bilder erzeugt, sondern dem realistischen Zuhörer subtil vermittelt: “Jetzt wird es ernst. Hier geht es ums Ganze.” Aus dem vielleicht vor einer Sekunde noch bestehenden Eustress des abenteuerlustigen, neugierigen Teilnehmers wird möglicherweise umgehend der mit Prüfungsangst verbundene Disstress, der sich irritierend, blockierend und lähmend von innen nach außen ausbreitet.

Das sofortige Feedback eines Kollegen hat mich von da an mich anlachende Bilder sorgsam auf seine negativen Facetten prüfen lassen.

 

Starke Bilder – starke Sprecher

Kennen Sie das, wenn Freunde ihre Verletzungen und Krankengeschichten so plastisch ausmalen, dass sich Ihnen der Magen umdreht und Sie kaum mehr an sich halten können? Der Sprecher spürt nichts von Ihrer physischen Reaktion. Für ihn ist seine Geschichte nur eine Ansammlung von Worten und Klängen. Für Sie wird die Beschreibung ein Erlebnis, das Sie mittels Ihrer Fantasie fast körperlich nachempfinden.

 

Baumstumpf_SquareErst Kosmetik, dann der Schnitt ins Fleisch

Vor wenigen Tagen treffe ich einen Gesprächspartner, der noch völlig unter dem schweren Eindruck der jüngsten Konzernverkündung durch seinen Geschäftsführer steht. Als Personalchef in einem multinationalen Konzern sieht er sich immer wieder vor Aufschwung und Abschwung, Aufbau und Reduktion. Beide Entwicklungsrichtungen soll er möglichst gut unterstützen.

 

Wenn der Alltag sich drastisch verändert

Jeder erfahrene Personalchef hat Kündigungswellen und Wachstumsengpässe erlebt. So auch mein Gesprächspartner. Dennoch muss er sie in ihrer Ausprägung unterscheiden und schließlich auch bewerten.

Wenn es vorher noch darum ging, den möglichen “Speck” vorhandener Überkapazitäten durch kosmetische Tricks gut zu verstecken, um mit den Mitarbeitern strategische Strukturarbeit zu leisten und sie in guten Zeiten gleich wieder einzusetzen, hat dieser HR Manager in den letzten 5-6 Jahren auch organisational schmerzhaftere Reduktionen vornehmen müssen: Schnitte ins Fleisch der Organisation.

Selbstverständlich sieht auch mein Gesprächspartner hinter jeder Strukturveränderung die sozialen, wirtschaftlichen und emotionalen Auswirkungen auf die betroffenen Mitarbeiter.

Das neue Bild der nicht mehr zu steigernden kosmetischen Einsparungen und der nicht mehr durch Umschichtung von Leistungen zu erbringenden Ressourcenschonung führt ihn gnadenlos zu einer für jeden Zuhörer fatalen Aussage: “Jetzt sprechen wir von Amputation.”

 

Meine Antwort auf die bildhafte Bedrohung

Meine erste Reaktion deckt sich mit dem vermuteten Bedarf meines Gesprächspartners: Ich suche mit ihm nach Substituten, Lösungen, Ersatz für jede Form des Verlustes. Was lässt sich auslagern und später zukaufen? Welche neue Richtung des Geschäftsbereiches verspricht Lösung und Gewinn? Wohin soll sich die Organisation entwickeln?

Gleichzeitig spüre ich in mir einen tiefen Grusel aufkeimen. Je öfter mein Gegenüber das Bild der Kosmetik, des Schnitts ins Fleisch und der offensichtlich jetzt unausweichlichen Amputation bemüht, desto mehr Widerstand entsteht in mir. Als Coach und Berater darf ich mich darauf nicht so leicht einlassen. Ich muss diesem Bild irgendwann gegensteuern und meinem Gesprächspartner eine Wendung erlauben. Jeder vernünftige Arzt sucht erst nach Möglichkeiten, Organe zu retten, bevor er sie opfert. Ein verfrühtes Nachgeben, die scheinbar unausweichliche Akzeptanz des alles verändernden Bildes darf einfach nicht sein. Erst müssen alle Varianten erwägt, alle Optionen untersucht werden.

Nun geht es in diesem Gespräch weder um mich als Person noch um unsere Dienstleistung. Niemand erwartet eine Antwort oder gar Lösung von mir. Der angekündigte Cut berührt mich also nur sehr weitläufig, indem er eine diffuse Bedrohung hinsichtlich des Trends in der österreichischen Wirtschaft in mir anspricht.

Immer lauter wird in mir die Notwendigkeit, meinen Gesprächspartner von der Amputation wegzulocken und zurück in die zu seinem Bild gehörige Notaufnahme zu schicken, damit er nach der Erstversorgung seines Geschäftsführers mit diesem nach wirklichen Alternativen sucht.

 

Aus der Schockstarre wieder in die Lösungssuche

Starke Bilder können uns bremsen, bezwingen, erschrecken und mitten im Handeln erstarren lassen. Erreicht uns ein Bild, das eine vage, ungerichtete Angst auslöst, Hoffnungslosigkeit verheißt oder direkten körperlichen Schmerz rückkoppelt, können wir in Schockstarre verfallen.

Die Bildsprache mit Analogien, Metaphern und Bildern im Allgemeinen schickt uns durch eine intensive Gefühlslandschaft, die alle Schattierungen von tiefster Sympathie und Berührtsein bis zu physischem Ekel und sich laut äußernder Wut in uns auslösen kann.

Behutsam bemühe ich mich um andere Bilder. Doch die Amputation hat offenbar ihren Reiz. Der heimliche Genuss, persönlich eine krasse Metapher gefunden zu haben, ist noch nicht abgekühlt. Wir drehen uns eine Weile im Kreis.

Meinen Gesprächspartner bekomme ich nur mit vielen Fragen, langem Schweigen und meiner inneren Ruhe in Millimeterschritten von seiner Position gelöst. Wir skizzieren ein paar erste Lösungsszenarien, welche Gedanken vom Bild weg zu neuen Chancen führen können.

 

Happy endings sind offene Enden

In der sich langsam abzeichnenden Wendung des Gesprächs packe ich ein: Zeit zu gehen. Wir haben beide Denkaufgaben für uns erkannt. Mein Gesprächspartner wird seine eigenen Energien einsetzen, um für sich und seinen Chef konstruktive Maßnahmen zu evaluieren und vor allem das Gespräch im Management vorzubereiten. Eine Wendung muss her, weg vom selbstgewählten Drohbild.

Ich gehe mit einer unangenehmen, tiefen Erkenntnis ins Wochenende: Wir sprechen so gern in kraftvollen Bildern. Kraft soll schöpferisch sein. Wenn ich sie für einen markanten Schlusspunkt, eine gute Pointe, einen bildhaften Knalleffekt einsetze, hilft es, wenn meine Metapher oder mein Bild noch Spielraum für happy endings lässt.

Neuropsychologisch betrachtet kleben wir gern an schlechten Erfahrungen und düsteren Perspektiven. Sie sollen uns vor Schaden bewahren.

Entwicklungsorientiert wollen wir jedoch nach vorne schauen und an gute Lösungen glauben: Bilder für happy endings

 

 

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