Wenn ich nichts zu sagen habe

Schon lange fühle ich mich sprachlos, fast stumm. Um mich herum funktioniert alles weiter. Beruflich hat sich gerade in 2020 vieles bewegt, verändert, entwickelt. Virtualität macht sich breit und scheint auf den ersten Blick den Kontakt zum anderen zu ersetzen.

Wir haben im Team gute Wege gefunden und festgestellt: Virtualität ist eine Ebene, eine Form, ein Kanal. Sie ist weder der Feind echten Kontaktes, noch der 1:1 Ersatz dazu.

Damit waren Einsatz und Arbeit, hohes Commitment (neudeutsch für Einlassen, Auseinandersetzung und persönlich betroffene Verbindlichkeit) und Zeit notwendig. Hatten wir äußerlich betrachtet durch den ersten Lockdown, die erste Kurzarbeit und die vor allem abgesagten Termine (= Einkünfte) scheinbar Zeit gewonnen, wurde diese ernsthaft und ehrlich gewidmet.

Wollte ich heute behaupten, die erste Corona Welle wäre einfach ein Gewinn gewesen, zeigte ich mich zynisch angesichts der Not meiner Kollegen, meiner eigenen nächtlichen Krisen und der Irritation unserer externen Gesprächspartner. Wir haben auch gewonnen: Nähe, Vertrauen zu einander, Kompetenz im virtuellen Raum, in neue Formen unserer Arbeit und in unsere Lösungswillig- und -fähigkeit.

Alles in allem haben wir sicher gewonnen. Der Preis jedoch ist hoch.

Wir sind angestrengt. Wir – auf jeden Fall die Menschen, die mich beruflich umgeben – strengen uns für gute Leistungen noch mehr an als früher. Unsere Außenkontakte, die alltäglichen, nebensächlichen, ungeplanten Begegnungen sind anstrengend und fordern Distanz, Disziplin, Umsicht, aber noch viel mehr Toleranz, Menschenliebe und Güte.

Denn wenn die anderen bereits gereizt, herausgefordert, auch angestrengt und an ihren Grenzen angelangt sind, können wir ihnen nur mit Weichheit, Nachsicht und Stille begegnen. Nicht immer meine erste Qualität.

Alles das macht mich noch nicht sprachlos, auch nicht stumm. Doch es trägt dazu bei, mich zu hinterfragen, genau hinzuschauen und erst einmal weiter zu schweigen.

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