Wochenpost 1: Erst entscheiden oder schon entschlossen?

Erst entscheiden oder schon entschlossen?

Welche Frage! Entscheidungen treffen, Entschlüsse fassen, entscheiden, entschließen, entschieden, entschlossen? Wo liegt denn da der Unterschied?

Seit Monaten quäle ich mich mit Entscheidungen – eher sogar mit ganzen Entscheidungsprozessen, was bereits im Wortsinn nach Arbeit riecht und wirklich echte Arbeit ist und mich von anderen Wichtigkeiten abhält. Klärungsarbeit.

 

Beispiele veranschaulichen

Mein Coach hat es unlängst freundlich lächelnd für mich auf den Punkt gebracht: „Entscheidest du dich noch oder bist du bereits entschlossen?“

Wie war das genau? Worauf will er jetzt hinaus?

Nachdem ich diese Frage im ersten Ansatz weder verstanden hatte, noch beantworten konnte, weil sie irgendwie nach einer Fußangel oder einem Haken roch, bot er mir ein Beispiel aus seiner eigenen Vergangenheit an, dem ich leicht folgen konnte:

Sein Wunsch, einen wichtigen Lebensabschnitt zu beenden, mündete in einen mühsamen Entscheidungsprozess mit langen Verhandlungen. Seine Partner und er kamen auf keinen gemeinsamen Nenner. Schließlich klärte seine eigene Aufrechnung rasch die Fronten: Was war ihm wichtiger, der Abschluss und seine persönliche Freiheit oder die Durchsetzung bestmöglicher Konditionen? Er kam zu einem Entschluss, und auf diesen folgte rasch der Abschluss.

 

Lernpfad mit Eselsbrücke

Seine Geschichte hat mich sofort erreicht. Weil meine eigene Logik stark an Sprache angelehnt ist, baue ich mir Eselsbrücken, die ich semantisch oder rhythmisch oder an lateinische und  griechische Wortstämme hefte. Sie helfen mir als persönliche Struktur bei der zukünftigen Unterscheidung.

Wer es noch nicht bemerkt hat, darf es hier von mir gestanden lesen: Ich kann bei Bedarf bis zur Zwänglichkeit überstrukturiert sein. Also eher Ausdauerquäler, Routinen- und Ritualerfinderin statt Bungeejumper oder Feuerläuferin.

 

Brücken verbinden Unterschiede

Die Eselsbrücke zwischen der aufwendigen Entscheidungsfindung und dem handlungseinleitenden Entschluss liegt bereits in den beiden Worten selbst.

Etwas zu entscheiden beschreibt deutlich einen Scheide-, Trenn- und Differenzierungsvorgang. Die Wortqualität liegt auf dem Prozess, der mit dem in einem Substantiv endenden Prädikat wie „finden“, „kommen“, „vorbereiten“ aufgepeppt und von anderen Abläufen und Arbeitsschritten abgegrenzt wird.

 

Entscheidungen zu treffen ist aufwendig

Will ich etwas entscheiden, zerlege ich es in Vor- und Nachteile, teile es in Subbestandteile, gliedere es, ordne es zu. Ich suche nach Verlusten und Konsequenzen, rechne vorwärts und zurück, will die Zukunft durchleuchten und bestmöglich sogar festlegen. Daraus erwächst ein mühseliger Sortier-, Reflexions- und Verdauungsvorgang.

Der Scheideprozess selbst muss vielleicht sogar viel Zeit kosten. Je nach Komplexität wird er mehrfach unterbrochen:

Wie bei einem sehr großen Laib Brot setze ich das gezahnte Brotmesser mehrmals an, kante schließlich das Brot irgendwann sogar auf, um die schmalere Seite leichter zu schneiden, und greife dafür wiederholt um. Sie können sich die Anstrengung vorstellen.

 

Nicht immer ein sauberer Schnitt

Selten gelingt mir ein glatter Schnitt. Meist klebt das viel zu frische Roggenbrot am Messer, die Scheiben sind ungleichmäßig und zerfetzt. Dafür spüre und rieche ich jedoch den vollen Reichtum.

Beim Brot mag der Weg zur Brotmaschine naheliegen, wenn es so etwas überhaupt noch im Haushalt gibt. Eine Alternative wäre: Ich lasse schneiden und scheiden – und kaufe Schnittbrot.

 

Delegierte Entscheidungen – so langweilig wie Schnittbrot

Doch so banal wie das Schnittbrot, bei dem jemand anderer den Scheideprozess für mich vollbracht hat, endet die Geschichte nur, wenn ich meine Entscheidungen delegiere oder zu lange aussitze, so dass mir die Optionen und Lösungsansätze ausgehen, weil sie irgendwann nicht mehr existieren.

Ich mag kein Schnittbrot und muss mich daher selbst mit dem Schneiden und Scheiden befassen. Offenbar korreliert meine Entscheidungsmühsal mit meiner Abneigung für delegierte Schneide- und Scheideprozesse: Sie haben kein Aroma und schmecken fad.

Andere Scheidungsprozesse, die wir kennen und vor denen uns gruselt, liegen bereits mit dem Wort und seiner Gewalt auf dem Tisch: Der Prozess des Scheidens und des Trennens, wenn Menschen auseinander gehen. Manche Scheidung zieht sich über Jahre. Die daraus entstehenden Schäden bei allen Betroffenen mögen sich mit den geänderten Scheidungsgesetzen je nach Land heutzutage in Grenzen halten, doch spricht die Praxis eine andere Sprache: Schlechtes Brotmesser – schlechter Scheidevorgang. Schlechtes Werkzeug – schlechtes Resultat. Vorgefertigter Scheideprozess – fehlendes Aroma.

 

Der Segen liegt im Schluss

Nun aber doch der endlich getroffene Entschluss. Wie sein prozessbezogenes Pendant, die arbeitsintensive Entscheidung, trägt auch er bereits die volle Wortweisheit in sich: Entschließen, entschlossen, Abschluss – sie alle zeigen auf den Schlusspunkt, den endgültigen Moment, den Augenblick danach.

Habe ich einen Entschluss getroffen, zählt nicht mehr, wie lang oder beschwerlich der Weg bis dorthin war.

Die Rahmenbedingungen mögen mich beschäftigt haben, doch jetzt schaue ich nur noch auf das Ergebnis, den Schluss, den Endpunkt. Geschlossen, abgeschlossen, verschlossen, zu und aus.

Ist der Entschluss gefasst, hat das Ringen ein Ende gefunden: Ich zaudere und zögere nicht mehr, noch verhandle ich, noch wäge ich weiter ab. Ich sehe nur noch den Schlusspunkt als zu erreichendes Resultat.

Tunnelblick und Fokus = auf den Punkt

 

Die Entscheidung fordert viel Zeit für das Wie und legt es darauf an, mich zu verwirren.

Der Entschluss zielt nur noch auf das WasIhn finde ich sehr entlastend und klar.

 

Download PDF

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.