Wochenpost 4 – Kausal, Konditional und Esoterik

Gern wollen wir glauben, dass unser Handeln einer wahrhaften Logik folgt.

Ebenso gern wollen wir glauben, dass wir mit unserem Handeln tatsächlich einen Unterschied generieren. Das wird wohl in vielen Fällen stimmen und trifft vor allem dann zu, wenn wir in der Bewertung unseres Tuns großmütig mit uns umgehen und auch gebeugte Logik als solche akzeptieren.

Das Gegenteil kann ich hier heute sowieso nicht beweisen.

 

Ich esse, weil ich Hunger habe?

Vielmehr beschäftigt mich, dass diese begehrte Logik zwischen einem „weil und daher“ oder einem „wenn“ und dem darauffolgenden „dann“ nicht unverbrüchlich vorliegt. Vergessen wir einmal, wie wir unsere Sprache heute beugen. Wer sagt in 2017 noch: „Ich esse, weil ich Hunger habe.“ Oder „Ich habe morgen Urlaub, weil ich den Tag für die Gartenarbeit brauche…“ Stattdessen formulieren wir seit mehreren Jahrzehnten: „Ich esse, weil, ich habe Hunger. Ich habe morgen Urlaub, weil: ich brauche den Tag für die Gartenarbeit.“ Hat sich mir früher der Magen zusammengezogen, erwische ich mich inzwischen selbst mit ähnlich verdrehter Sprache.

 

Versicherungslogik = Logik

Kausalität oder „adäquate Kausalzusammenhänge“ bezeichnen im Versicherungs- und Schadensgesetz logische Zusammenhänge und Folgen: „Ein solcher ‚adäquater Kausalzusammenhang‘ liegt immer dann vor, wenn ein direkter, ursächlicher und angemessener Zusammenhang zwischen der Handlung eines Schädigers und dem dadurch entstandenen Schaden gegeben ist.“ Soweit das Rechts- und Versicherungsdeutsch.

Darüber hinaus beweisen Kausalzusammenhänge allerdings nur dort Gültigkeit, wo wir diese unbedingt glauben wollen. Womit wir exakt bei des Pudels Kern sind: Kausalzusammenhänge und Konditionen sind eine schöne Einladung für jede Form von Irrglauben.

 

Konditionalsatz als esoterische Grundformel 

Klingen „wenn-dann“-Formulierungen für die einen bedrohlich, weil sie sie als Ankündigung von Konsequenzen wahrnehmen, sind sie für eine andere Zielgruppe das vermeintliche Ticket zum Glück und stattdessen ins persönliche Fegefeuer. Wenn-dann heißt für sie nämlich, dass sie für das Erreichen eines Idealzustandes eine bestimmte Voraussetzung zu schaffen haben. Gelingt ihnen diese jedoch nicht, trifft der Idealzustand nicht ein. Ziemlich simpel und eine ausgesprochen vertrackte Logik.

 

Banal und falsch ≠ weniger banal und daher richtig

Sie kennen sicher aus Ihrer Kindheit, dass es am nächsten Tag nur dann gutes Wetter gab, wenn Sie am Vortag Ihren Teller leer gegessen hatten. Soweit so gut. Ein alter Schmäh, der nicht viel kann?

Ach…, ich weiß nicht. Vielleicht lässt uns die „wenn Teller leer, dann Wetter gut“ Variante kalt, doch jeder von uns weiß noch ein paar richtigere, gültigere Konditionalgesetze:

Man begegnet sich immer zweimal im Leben – kann frei übersetzt werden mit, „wenn du mir blöd kommst, dann wird sich das rächen…“

 

Glaube versetzt Berge

Wenn ich nur fest genug an〈…〉glaube, dann wird alles gut? Zwischen jeder Variante dieser harmlosen Einleitung und einem echten Monk, der nicht auf die Ritzen zwischen Pflastersteinen tritt, um bloß kein Unglück heraufzubeschwören, leben alle Bandbreiten vernünftiger, rationaler, intelligenter Menschen, die trotzdem bestimmte Mantras, Einsager, Rituale beherzigen, um nur ja auf der sicheren Seite ihres Aberglaubens zu bleiben.

 

Esoterik als Logikmissbrauch

Viele Menschen glauben an Esoterik, beten ihr Glück herbei und schützen sich mit allerlei Glücksbringern gegen vermeintliches wenn-dann-Versagen. Esoterik und das Wenn-dann sind wunderbare Geschwister. Dort entsteht nämlich erst so richtig die schöne und gleichzeitig falsche Logik. Wenn ich nur diszipliniert genug wünsche, bete, an etwas glaube, dann habe ich mein Schicksal im Griff. Habe ich es wider Erwarten schließlich nicht im Griff, war ich vorne im ersten Teil des Konditionalsatzes nicht gut genug, stark genug oder entschieden und überzeugt genug. Also mein Fehler, wenn die Logik nicht gelingt.

 

Zum guten Schluss

Woran auch immer Sie glauben mögen, Fern-Voodoo oder dass aller guten Dinge drei sind, an das Gesetz der Serie oder daran, dass Sie nur gut genug, nämlich ordentlich, anständig, hilfsbereit, freundlich, ehrlich genug leben müssen, damit Sie ein gutes Leben haben. Am Ende ist es egal. Wir schaffen uns unsere Kausalität, unsere Freiheit und unseren Aberglauben selbst. Einiges davon behindert uns, anderes befähigt uns.

Wenn ich Sie dazu einladen konnte, alte Zöpfe zu überdenken oder sich in Ihren Überzeugungen bestätigt zu fühlen: Beides fein.

Ach ja…, im Gartencenter fand ich heute das Kraut der Unsterblichkeit. Wenn ich das gut pflege und wenn ich Blättchen davon in den Salat oder in den Tee gebe, dann sollte ich über 100 Jahre werden. So steht es auf dem Beipackkärtchen. Jetzt habe ich es mal von der Terrasse wieder reingeholt, weil es >15°C braucht und draußen noch immer kalter April ist…

Ob es also funktioniert oder nicht: Es sieht hübsch aus und verspricht schön zu ranken.

Genau dafür habe ich es.

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