Wochenpost 6 – Zwischenweltliebe


Zwischenweltliebe

Zwischen den Welten nehmen wir Verbindungen auf, die wir leugnen, sobald wir wieder in unserer eigenen Welt sind.

Zwischen den Welten strecken wir uns hungrig nach Händen aus, die wir ausschlügen im Kreis unserer Freunde.

 

Das finden wir ganz normal.

Wären wir dabei Zeitzeugen, litten wir aufgeregtes Entsetzen. Doch selbst betroffen beschönigen wir die Geste und ihre Wirkung.

Zwischen den Welten essen wir, was den Anderen gefällt, tanzen zu fremder Musik und füllen die Luft mit Worten der Verbundenheit und Freundschaft, um uns in der Einsamkeit nicht zu fürchten.

 

Zwischenweltliebe ist ein Klebstoff von begrenzter Haltbarkeit, der sich rasch und rückstandslos auflöst, sobald einer von uns seinen Fuß auf Heimatboden setzt.

Zwischenweltliebe kommt noch einmal kurz zu uns zurück, wenn wir allein zuhause sind und sich ein Klebstoffrest, getarnt als Muschel oder Stein, als Souvenir oder Foto mit blassen, leicht fremdanmutenden Erinnerungen in unser Sichtfeld drängt. Wir können sie hübsch rahmen und dekorieren – oder einfach nur wegräumen und vergessen.

Dann endlich hat die Zwischenweltliebe einen würdigen Platz gefunden: Als zarte Verbindung zwischen Menschen, die sich begegnet sind und sich einander zugewandt haben, um sich zwischen zwei Welten Gemeinschaft und Halt zu bieten.

 

Ließen wir diese Zwischenweltliebe in unseren Alltag, änderte sich dieser mit ihr. Das kann sehr schön sein, aber auch verstörend wirken.

Manchmal sind Zwischenweltlieben angelehnte Türen nach draußen, auf einen neuen Weg, in eine neue Richtung oder einfach nur in eine Pause von uns selbst. Sie zu durchschreiten, statt nur durch den Spalt zu schauen, verlangt Mut und schließlich eine Verbindung mit unserem Alltag.

Spätestens dann wird aus der Muschel, dem Stein, dem Souvenir oder dem Foto eine Sehnsucht, eine Idee, die sich zu einem wirklichen Bedürfnis mausert, wächst und nach Bedeutung verlangt.

Zwischenweltlieben haben tatsächlich mit Liebe zutun: Mit der Liebe zu unserem Selbst. Sie verbinden uns mit einem Stück von uns, das wir im Alltag meist vergessen, nicht mehr erkennen oder vernachlässigt haben.

Sie sind eine Erinnerung daran, dass wir uns jederzeit neu kennenlernen und neu erfinden dürfen.

 

Download PDF

2 thoughts

  1. Liebe Petra,
    sind wir nicht öfter zwischen den Welten als wir gemeinhin zugeben? Jedenfalls bekommt unsere Umwelt es selten mit … denn, wer redet schon davon, wenn er sich im ZWISCHEN aufhält: Zwischen dem, was heute nicht mehr wirklich gilt und zwischen dem, was noch gar nicht richtig greif- und gestaltbar ist. Ich gehöre nicht zu denen, die dann viel sagen – aber viel denken.
    Ich freue mich, hier wieder von dir zu lesen, und somit ein Zwischenlebenszeichen zu hören.
    „Zwischenweltliebe“ ist ein schöner Begriff, ein Wort, in dem ich viel Großes und Breites entdecke. Und Liebe ist immer Energie.
    Liebe Grüße,
    Romana

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.